Wenn ich die Pařížská entlanggehe und an den geparkten Porsches vorbeischleiche, fasziniert mich jedes Mal der absurde Kontrast, den das heutige jüdische Viertel in Prag bietet. Man steht an einem Ort, wo sich früher die Armen in dunklen, feuchten Gassen eines der am dichtesten besiedelten Ghettos Europas drängten – und heute leuchten aus polierten Schaufenstern Preisschilder, für die man andernorts eine kleine Wohnung bekäme. Diese Prag-Sehenswürdigkeit gehört zu den eindrücklichsten der ganzen Stadt. In meinen Prager Jahren, als ich zwischen dem Kleinseitner Gymnasium und der Karls-Universität pendelte, habe ich gelernt, Josefov nicht als Einkaufsboulevard zu sehen, sondern als Narbe im Gesicht der Stadt – eine Narbe, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert durch die sogenannte Prager Stadtsanierung zu einem Großteil herausgeschnitten wurde.
Unsere Geschichtslehrer haben uns nicht geschont und uns direkt zu den verwitterten Mauern der alten Synagogen geführt. Kein trockenes Auswendiglernen von Jahreszahlen von der Tafel. Hier, im Schatten der hohen Bäume entlang des Friedhofs, bekamen die historischen Tragödien echte Konturen. Später, als ich mit einer schweren Spiegelreflexkamera einen Fotojournalismus-Kurs absolvierte, verbrachte ich hier frühe Morgenstunden. Ich versuchte das besondere Licht einzufangen, das sich an den Kanten der geneigten Grabsteine bricht – noch bevor die schmalen Wege von organisierten Reisegruppen mit Schirmen über dem Kopf geflutet werden.
Heute, wenn wir jedes Jahr mit meinem Mann Lukáš nach Prag zurückkehren, hat das Durchstreifen dieses Viertels eine weitere Dimension gewonnen. Kürzlich haben wir hier zum ersten Mal mit unserem zweijährigen Jonáš im Kinderwagen manövriert. Dabei lernt man eine Menge praktischer Dinge – zum Beispiel, dass es eine Herkulesaufgabe ist, einen gefederten Geländewagen-Kinderwagen durch die engen Türen mancher Sehenswürdigkeiten zu schieben, oder dass die Stille in den Synagogen so tief ist, dass jedes kindliche Hüsteln wie ein Schuss klingt. Trotzdem kommen wir her. Denn die Last der Geschichte ist hier geblieben, trotz Jugendstil-Fassaden und Touristenmassen.
Also, gehen wir es Schritt für Schritt an – Synagogen, Friedhof, Kafka und ein paar Dinge, die man in keinem Reiseführer findet, weil man sie erst merkt, wenn man mit einem Kinderwagen ankommt. 😅
Zusammenfassung
- Die Tickets sind in zwei Hauptkreise aufgeteilt. Das Jüdische Museum in Prag schließt die Altneusynagoge nicht ein – dafür braucht man ein separates Ticket oder das kombinierte Ticket „Jüdische Stadt Prag“.
- Der Alte Jüdische Friedhof birgt zwölf Grabschichten übereinander, weil die Gemeinde ihre Toten nirgendwo sonst begraben durfte und Bräuche das Stören alter Gräber verbieten.
- Die Pinkas-Synagoge dient als Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust. Ihre Wände sind mit fast 80.000 Namen tschechischer und mährischer Juden beschriftet; im Obergeschoss findet sich eine erschütternde Ausstellung von Kinderzeichnungen aus Theresienstadt.
- Die Altneusynagoge ist die am längsten in Betrieb befindliche Synagoge Europas. Der Legende nach ruhen auf ihrem Dachboden die Überreste des Golems aus Lehm, den Rabbi Löw erschaffen hat.
- Die Spanische Synagoge beeindruckt mit ihrem maurischen Stil. Ihr mit Gold verziertes Inneres erinnert eher an Paläste in Andalusien als an einen mitteleuropäischen Sakralbau.
- Am Samstag (Schabbat) und während jüdischer Feiertage sind alle Objekte des Museums sowie die Altneusynagoge strikt geschlossen. Plant den Besuch auf andere Wochentage.
- Männer müssen beim Betreten des Friedhofs und der Synagogen (außer der Spanischen) eine Kopfbedeckung tragen. Am Eingang gibt es Papier-Kippot, aber eine eigene Kappe oder Mütze tut es genauso.
- Die Pařížská třída, heute Inbegriff von Luxus, entstand erst nach dem brutalen Abriss des ursprünglichen Ghettos an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
- Eine Besichtigung des gesamten Komplexes dauert mindestens drei bis vier Stunden, wenn man die Ausstellungen nicht nur im Eilschritt durchhastet.
Wann lohnt sich ein Besuch der jüdischen Geschichte?
Anders als in anderen Prager Vierteln, wo man spontan losziehen kann, erfordert Josefov zumindest eine grundlegende Planung. Das gesamte Gebiet ist ein lebendiges religiöses Zentrum, und die Verwaltung der Sehenswürdigkeiten unterliegt strengen Regeln des jüdischen Kalenders. Wer hier unvorbereitet auftaucht, riskiert, vor verschlossenen Türen zu stehen.
Frühling und Herbst: Ideales Licht und erträgliche Warteschlangen
April, Mai, September und Oktober sind für mich die besten Monate für einen Besuch. Das morgendliche Herbstlicht, das sich durch das sich verfärbende Laub auf dem Alten Jüdischen Friedhof kämpft, erzeugt genau jene melancholische Atmosphäre, die ich mit diesem Ort aus meinen fotografischen Streifzügen verbinde. Die Temperaturen sind angenehm für langes Stehen vor den Sehenswürdigkeiten, und die Schlangen an den Kassen erreichen noch nicht die sommerlichen Extreme.
💡 Lokaler Tipp: Wer im Herbst kommt, sollte die Termine der hohen jüdischen Feiertage im Blick behalten (Jom Kippur, Rosch ha-Schana), die meist auf September oder Oktober fallen. An diesen Tagen ist alles kompromisslos geschlossen, und die Gassen rund um die Altneusynagoge werden aus Sicherheitsgründen von der Polizei abgesperrt.
Sommer und Winter: Extreme, mit denen man rechnen muss
In den Sommermonaten verwandeln sich die engen Gassen Josefovs in einen glühenden Backofen. Die historischen Gebäude verfügen über keine moderne Klimaanlage, und die Touristenmassen in den Synagogen verbrauchen die Luft schnell. Der Winter bietet dafür ein raueres, fast mystisches Erlebnis. Verschneite Grabsteine sehen atemberaubend aus, aber man sollte damit rechnen, dass die Steinböden in den Synagogen unangenehm kalt werden.
Andererseits hat der Winter auch seine praktischen Vorzüge. Wir waren einmal im Februar mit Lukáš hier, und obwohl wir nach zwei Stunden so durchgefroren waren, dass wir sofort Tee trinken gehen mussten, hatten wir die meisten Sehenswürdigkeiten fast für uns allein. Das passiert einem in der Saison schlicht nicht.
💡 Lokaler Tipp: Wer im Juli oder August kommen muss, sollte pünktlich um 9:00 Uhr an der Kasse sein, wenn geöffnet wird. Man hat dann ungefähr eine Stunde, bevor die großen organisierten Gruppen von Kreuzfahrtschiffen und Reisebussen eintreffen.
Schabbat: Der Tag, an dem die Zeit stillsteht
Das ist der häufigste Fehler, den Besucher machen. Jeden Samstag (Schabbat) und an allen jüdischen Feiertagen sind das gesamte Jüdische Museum und die Altneusynagoge geschlossen. Die Öffnungszeiten am Freitag können sich in den Wintermonaten zudem wegen des frühen Sonnenuntergangs verkürzen. Sonntage sind hingegen geöffnet, aber naturgemäß dem größten Andrang ausgesetzt, weil viele Besucher ihren Trip um einen Tag verschieben mussten.
💡 Lokaler Tipp: Sonntagmorgen in Josefov sind überraschend ruhig, wenn man direkt um neun Uhr ankommt. Die meisten Touristen schlafen nach dem Samstagabend noch aus.
Wo übernachten
Als wir mit Lukáš zuletzt nach einer Basis für unseren Prager Aufenthalt suchten – mit gutem Zugang zu allen Sehenswürdigkeiten, aber gleichzeitig dem nötigen Komfort für eine Familie mit Kleinkind – haben wir das The Julius Hotel in der Nähe des Jindřišská-Turms gewählt. Von dort bis nach Josefov sind es zwar rund fünfzehn Minuten zu Fuß, aber die Strecke führt angenehm durch das Stadtzentrum – und man umgeht die überhöhten Preise der Hotels direkt an der Pařížská.
Wir wohnten in der One Bedroom Suite, was uns ein separates Schlafzimmer gab, damit wir nach Jonáš‘ Einschlafen nicht im Dunkeln sitzen mussten. Was mich als Vegetarierin wirklich begeistert hat, war das Frühstück: endlich ein Hotel, in dem die fleischlose Variante nicht nur ein ausgetrockneter Käse und ein Apfel bedeutet, sondern durchdachte lokale Zutaten. Wer eine gute Unterkunft sucht, kann sich Preise und Verfügbarkeit des The Julius Hotels über Booking.com ansehen.

Das Jüdische Museum in Prag und das Ticketsystem
Zu verstehen, wie die Eintrittskarten für die hiesigen Sehenswürdigkeiten funktionieren, erfordert etwas Konzentration. Ich sehe oft verwirrte Touristen, die vor der Altneusynagoge stehen, ein Museumticket in der Hand halten und nicht begreifen, warum man sie nicht einlässt. Das Problem liegt darin, dass die Sehenswürdigkeiten nicht von einem einzigen Betreiber verwaltet werden.
Aktuell gibt es im Wesentlichen drei Hauptoptionen. Der Rundgang des Jüdischen Museums in Prag (ca. 22 € für Erwachsene) umfasst die Pinkas-, Klaus-, Maisel- und Spanische Synagoge, den Alten Jüdischen Friedhof sowie die Zeremonienhalle. Die zweite Option ist ein separates Ticket für die Altneusynagoge (ca. 11 €), die direkt von der Jüdischen Gemeinde verwaltet wird.
Die beste Wahl für ein umfassendes Erlebnis ist das kombinierte Ticket „Jüdische Stadt Prag“ (ca. 34 €), das einem überall Zutritt verschafft. Die Tickets sind sieben Tage gültig, aber jedes Objekt kann nur einmal betreten werden.
💡 Lokaler Tipp: Tickets am besten online im Voraus kaufen oder in der Kasse des Informations- und Reservierungszentrums in der Maiselova 15. Die Hauptkasse am Friedhof ist in der Saison hoffnungslos überfüllt. Eine Alternative ist die Buchung einer geführten Tour über GetYourGuide, wo Ticket und Führung in einem Paket enthalten sind.
Das Wichtigste: Synagogen und Friedhof
Jede der Synagogen in Josefov erzählt einen anderen Teil der Geschichte. Es geht nicht darum, sie alle in einer Stunde abzuhaken. Ich empfehle, die thematisch interessantesten auszuwählen und ihnen Zeit zu widmen.
Altneusynagoge: Die Golem-Legende und das schlagende Herz der Gemeinde

Das ist genau das Gebäude, bei dem man das Gewicht der Jahrhunderte spürt, sobald man die massiven Eingangstüren berührt. Sie wurde im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts gegründet, was sie zur ältesten noch in Betrieb befindlichen Synagoge Europas macht. Ihr frühgotisches Inneres ist karg, dunkel, und die Gewölbe werden von zwei massiven Pfeilern gestützt. In der Mitte steht die Bima, ein erhöhtes Lesepult, umgeben von einem schmiedeeisernen Gitter – und genau hier, in diesem Halbdunkel, predigte der berühmte Rabbi Löw, der Schöpfer des legendären Golems. Die Überlieferung besagt, dass die Überreste dieses Lehmriesen noch immer auf dem Dachboden der Synagoge ruhen, wo der Zutritt streng verboten ist.
Einlass erhält man entweder mit einem Einzelticket oder mit dem kombinierten Ticket „Jüdische Stadt Prag“. Die Metro- und Tramhaltestelle Staroměstská ist etwa fünf Gehminuten entfernt. Geöffnet ist täglich außer samstags und an jüdischen Feiertagen.
💡 Lokaler Tipp: Achtet auf das Banner der Prager jüdischen Gemeinde, das an einem der Pfeiler hängt. Das Recht, eine eigene Fahne zu führen, wurde der Gemeinde bereits von Karl IV. verliehen – für das damalige Europa war das etwas absolut Außergewöhnliches.
Pinkas-Synagoge: Ein Ort, an dem Worte fehlen

Von außen ein unscheinbares Gebäude, innen eine der eindrücklichsten Gedenkstätten, die ich je besucht habe. Die Pinkas-Synagoge dient heute als Gedenkstätte für die Shoa-Opfer aus den böhmischen Ländern. Alle Innenwände – vom Boden bis zu den Gewölben – sind von Hand mit den Namen von fast 80.000 tschechischen und mährischen Juden beschriftet, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Als ich als Schülerin hier war, hatten diese Zahlen noch etwas Abstraktes. Heute, wenn ich als Erwachsene an den Wänden entlangschreite, schnürt mir diese endlose Namensliste mit Geburts- und Sterbedaten buchstäblich den Magen zu.
Im ersten Obergeschoss findet sich dann die Dauerausstellung mit Kinderzeichnungen aus dem Konzentrationslager Theresienstadt. Die Kinder malten sie unter Anleitung der Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis. Als Mutter des kleinen Jonáš betrachte ich diese Bilder von Schmetterlingen und Häusern, gemalt auf Fetzen Packpapier von Kindern, von denen die meisten die Shoah nicht überlebten, mit umso tieferer Erschütterung.
Der Eintritt ist im Rundgang des Jüdischen Museums enthalten. Von hier aus gelangt man auch auf den Alten Jüdischen Friedhof.
💡 Lokaler Tipp: Nehmt euch Zeit für den Audioguide. In der Synagoge ertönt eine leise Stimme, die Namen der Opfer vorliest. Dieses Detail verleiht dem gesamten Raum eine ungemein intime und erschütternde Dimension.
Alter Jüdischer Friedhof: Zwölf Schichten Geschichte unter Bäumen

Einer der bekanntesten historischen Friedhöfe der Welt wirkt auf den ersten Blick wie ein chaotisches Gewirr aus Stein und Efeu. Die Grabsteine neigen sich in alle Richtungen und stützen sich gegenseitig. Der Grund für diese visuelle Anarchie: Jüdische Bräuche verbieten streng die Störung alter Gräber. Da die Gemeinde den Friedhof nicht über die Mauern des Ghettos hinaus erweitern durfte, musste sie neue Erde aufschütten und die Verstorbenen übereinander bestatten. An manchen Stellen gibt es so bis zu zwölf Grabschichten. Schätzungen zufolge ruhen unter den zwölftausend sichtbaren Grabsteinen bis zu hunderttausend Menschen.
Der meistbesuchte Ort ist das Grab des bereits erwähnten Rabbi Löw, wo Menschen bis heute kleine Zettel mit Wünschen unter Steinchen legen. Der Friedhof ist im Rahmen des Museumsrundgangs zugänglich.
💡 Lokaler Tipp: Wer mit Familie kommt, sollte den Kinderwagen im Hotel oder am Eingang lassen (das Personal gibt Tipps). Der Weg führt über schmale, unebene Steinpfade, oft mit Stufen – mit einem Kinderwagen kommt man hier schlicht nicht durch.
Spanische Synagoge: Ein goldener Schatz im maurischen Stil
Während die Altneusynagoge gotisch streng und dunkel ist, ist die Spanische Synagoge ihr absolutes Gegenteil. Sie wurde 1868 im damals populären maurischen Stil erbaut, und ihr Inneres verschlägt einem den Atem. Wände, Gewölbe und Buntglasfenster sind mit komplexen islamischen Ornamenten überzogen, überall glänzen Gold, Stuck und satte Farben. Man fühlt sich eher wie in der Alhambra als mitten in Mitteleuropa – und genau diesen Kontrast liebe ich. ☺️ Der Name „Spanische Synagoge“ verweist auf diesen Stil und auf die sephardischen Juden, die aus Spanien vertrieben wurden.
Im Inneren findet sich eine Ausstellung zur modernen Geschichte der Juden in den böhmischen Ländern von den Josephinischen Reformen bis zur Gegenwart. Die Akustik ist hier phänomenal, weshalb hier regelmäßig Abendkonzerte mit klassischer Musik stattfinden.
💡 Lokaler Tipp: Seht euch im Obergeschoss den Teil über jüdische Unternehmer und Industrielle der Ersten Tschechoslowakischen Republik an. Das verdeutlicht eindrucksvoll, wie stark die Gemeinschaft vor dem Zweiten Weltkrieg an der Entwicklung des Staates beteiligt war.
Klaus-Synagoge und Maisel-Synagoge

Direkt am Ausgang des Friedhofs stößt man auf die Klaus-Synagoge (die größte aller Synagogen im ehemaligen Ghetto), wo heute eine faszinierend zugänglich aufbereitete Ausstellung über jüdische Traditionen und Bräuche zu finden ist. Wer nicht genau weiß, was eine Bar-Mizwa bedeutet, wie eine jüdische Hochzeit abläuft oder was koschere Ernährung umfasst, bekommt hier alle Antworten.
Die Maisel-Synagoge, versteckt in der Maiselova-Gasse, dient als Einführung in die Geschichte der jüdischen Besiedlung der böhmischen Länder vom 10. bis 18. Jahrhundert. Sie wurde von Mordechai Maisel erbauen lassen, dem Primator der jüdischen Stadt und einem der reichsten Männer des damaligen Prags, der unter anderem den Bau des Prager jüdischen Ghettos finanzierte. Beide Synagogen sind im Hauptticket des Museums enthalten.
💡 Lokaler Tipp: In der Maisel-Synagoge unbedingt das digitale Modell der ursprünglichen jüdischen Stadt vor der Stadtsanierung ansehen. Erst dann begreift man, wie unglaublich beengt und verwinkelt es hier einmal war.
Franz Kafka und der Genius Loci Josefovs
Obwohl Franz Kafka auf Deutsch schrieb, ist seine Identität mit Prag und insbesondere mit Josefov und der Altstadt untrennbar verbunden. In diesen Gassen wuchs er auf, lief hier zur Schule und schöpfte Inspiration für seine absurden und beklemmenden Romane.
Kafkas Geburtshaus

An der Ecke Kaprova und Maiselova, am heutigen Franz-Kafka-Platz, stand das Haus „U Věže“, wo der Schriftsteller 1883 geboren wurde. Das ursprüngliche Haus fiel der Stadtsanierung zum Opfer; erhalten blieb nur sein barocker Steinportal, der in einen Neubau vom Beginn des 20. Jahrhunderts eingegliedert wurde. Das ist kein Ort für eine stundenlange Besichtigung – eher hält man kurz inne, betrachtet dieses Portal und versucht sich vorzustellen, dass hier ein Junge herauskommt, dem die Welt bald keinen Sinn mehr ergeben wird. 😉
Wenn man sich außerdem einen Moment Zeit nimmt und den Blick hebt, entdeckt man an der Fassade des Hauses kleine Details, die jene Zeit ganz gut in Erinnerung rufen. Ich denke hier immer daran, wie unglaublich beengend es hier früher gewesen sein muss – und ich wundere mich kein bisschen, dass sich das so tief in Kafkas Texte eingeschrieben hat.
💡 Lokaler Tipp: Hier kein Museum suchen. Das eigentliche und beste Kafka-Museum befindet sich am gegenüberliegenden Ufer der Moldau auf der Kleinseite, direkt bei der Karlsbrücke in der Hergetova Cihelna.
Kafka-Denkmal von Jaroslav Rona

Wer durch die Vězeňská-Straße zur Spanischen Synagoge geht, stößt auf eine Skulptur, die das Kafkaesque perfekt auf den Punkt bringt. Das Bronzedenkmal des Bildhauers Jaroslav Rona aus dem Jahr 2003 zeigt einen riesigen leeren Anzug, auf dessen Schultern eine kleinere Gestalt – Kafka selbst – sitzt. Die Skulptur nimmt Bezug auf seine frühe Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“. Es ist eines der wenigen modernen Kunstwerke in der Innenstadt, das sich wirklich organisch einfügt und nicht bloß als Touristenattraktion wirkt.
Zur Orientierung: Oft wird auch der bewegliche Kafka-Kopf von David Černý erwähnt. Dieser befindet sich beim Einkaufszentrum Quadrio auf der Národní třída (U-Bahn-Station Národní třída), was von Josefov aus ungefähr zwanzig Gehminuten entfernt ist. Ein großartiger Anblick – aber mit dem historischen Josefov hat er örtlich nichts zu tun.
💡 Lokaler Tipp: Die Skulptur aus der Untersicht in Richtung der Fassade der Spanischen Synagoge fotografieren. So entsteht ein interessanter kompositorischer Kontrast zwischen moderner Bronze und maurischer Architektur.
Pařížská třída: Luxus auf den Trümmern des Ghettos

Die Pařížská ist heute Prags prestigiöseste Adresse. Sie wird von Boutiquen wie Dior, Chanel oder Prada gesäumt. Ihre Geschichte ist jedoch weitaus düsterer. Sie wurde direkt durch die Mitte des ehemaligen jüdischen Ghettos getrieben, als der Stadtrat im Zuge der Stadtsanierung beschloss, das unzumutbare Slumviertel zu beseitigen und durch breite Boulevards nach Pariser Vorbild zu ersetzen. Hunderte historische Häuser, Höfe und Synagogen verschwanden dabei.
Es ist zweifellos schön, aber als Kulisse ein bisschen steril – die Fassaden sind so perfekt, dass es fast wehtut. Lukáš sagt immer, er fühle sich hier wie auf einem Filmset. 😅 Für Einheimische ist es eher eine Durchgangszone in Richtung Letná als ein Ort, an dem man verweilt.
Wo essen
Das ganze Josefov zu Fuß zu erkunden ist eine ordentliche Anstrengung – und so wie Lukáš und ich gestrickt sind, wäre das ohne gutes Essen und Kaffee undenkbar. Zum Glück ist die Umgebung voll mit tollen Orten. Hier sind meine zwei absoluten Lieblingsplätze in der Nähe, wo wir immer neue Energie tanken – beide haben den Vorzug, dass sowohl Vegetarier als auch Liebhaber klassischer Küche auf ihre Kosten kommen.
Restaurant Maitrea: Oase der Ruhe
Wer nach der Besichtigung hervorragendes Essen ohne snobischen Aufschlag sucht und Vegetarier ist wie ich, der sollte unbedingt in die Týnská ulička gehen, wo sich das Restaurant Maitrea befindet. Es ist eine wunderbare Oase der Ruhe mit einem fantastischen fleischlosen Menü – nur drei Gehminuten von der Altneusynagoge entfernt. Nach dem Trubel auf der Pařížská ist das eine Wohltat für die Seele.
Das Mittagsmenü ist hervorragend, und das Feng-Shui-inspirierte Interieur lässt auch ein zappeliges Kleinkind zur Ruhe kommen. Immer wenn wir hier sind, bestelle ich ihre Udon-Nudeln – auf die freue ich mich schon am Morgen.
Café Louvre: Literarische Kulissen und göttliche Palatschinken
Wer die Atmosphäre der Orte spüren möchte, an denen Kafka mit seinen Zeitgenossen diskutierte, muss ein Stück weiter zur Národní třída ins legendäre Café Louvre gehen. Es wurde 1902 eröffnet, und Kafka besuchte es während seiner Studentenjahre mit seinen Freunden aus dem philosophischen Zirkel. Das Interieur im ersten Obergeschoss bewahrt noch heute seine First-Republic-Noblesse mit Billardtischen und Kellnern im Anzug.
Für Vegetarierinnen wie mich ist es ein Glücksfall: ausgezeichnete cremige Knoblauchsuppe, tolle Käsevariationen, und die Palatschinken sind legendär. Es ist zwar ein kurzer Spaziergang von Josefov, aber für ein vollständiges literarisches Erlebnis lohnt sich das allemal. Wer am Wochenende kommt, sollte mit Wartezeiten rechnen – aber wer wochentags gegen zehn Uhr vormittags erscheint, findet sicher einen ruhigen Platz am Fenster mit Blick auf die lebhafte Národní třída.
Praktische Infos
Anreise: Der beste Ausgangspunkt ist die U-Bahn-Linie A oder die Straßenbahn (Linien 2, 17, 18) bis zur Haltestelle Staroměstská. Von dort sind es zur Pinkas-Synagoge nur wenige Schritte, und das gesamte Josefov lässt sich bequem zu Fuß erkunden – das Viertel ist überraschend kompakt. Von Deutschland aus ist Prag gut erreichbar: Mit dem Zug etwa dreieinhalb bis vier Stunden von München oder rund vier bis fünf Stunden von Berlin; alternativ fliegen Eurowings und Lufthansa mehrmals täglich direkt nach Prag.
Dresscode und Regeln: In allen Synagogen (mit Ausnahme der Spanischen) und auf dem Alten Jüdischen Friedhof müssen Männer eine Kopfbedeckung tragen. Keine Sorge, falls man Hut oder Mütze vergessen hat – am Eingang gibt es Papier-Kippot. Die Kleidung sollte respektvoll sein: Trägershirts und ultrakurze Shorts sind fehl am Platz. Man befindet sich auf religiösem Gelände und an Stätten der Trauer.
Zeitplanung: Wer das Kombi-Ticket hat und alle Synagogen sowie den Friedhof ernsthaft besichtigen möchte, sollte mindestens drei bis vier Stunden einplanen. Nicht den Fehler machen, am selben Nachmittag noch die Prager Burg draufzupacken – man wäre völlig erschöpft von der Fülle der Eindrücke und Informationen.
Weiterreisen
- Was in Prag sehen: 100+ Tipps für Sehenswürdigkeiten, Cafés, Restaurants
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Häufig gestellte Fragen
Was kostet der Eintritt ins Jüdische Museum in Prag?
Im Jahr 2026 zahlt man für den Basisrundgang durch das Museum etwa 22 EUR. Ein Kombiticket, das auch die Altneu-Synagoge einschließt, kostet circa 34 EUR. Es gibt Ermäßigungen für Studenten, Kinder und Familien.
Wann ist die Jüdische Stadt geschlossen?
Sämtliche Sehenswürdigkeiten, die zum Jüdischen Museum in Prag gehören, sowie die Altneu-Synagoge sind jeden Samstag (Schabbat) und an allen jüdischen Feiertagen im Jahresverlauf komplett geschlossen.
Darf ich auf dem Alten Jüdischen Friedhof fotografieren?
Ja, das Fotografieren im Außenbereich des Friedhofs ist für private Zwecke erlaubt. In den Innenräumen der Synagogen ist das Fotografieren meist verboten oder stark eingeschränkt (ohne Blitz), daher sollte man immer auf die Piktogramme am Eingang achten.
Kann man die Altneu-Synagoge kostenlos besuchen?
Nein, der Eintritt ist immer kostenpflichtig. Entweder mit einem separaten Ticket oder mit einem teureren Kombiticket für die gesamte Prager Jüdische Stadt.
Wie lange dauert die Besichtigung der Jüdischen Stadt?
Ein schneller Rundgang durch die Hauptpunkte (Pinkas-Synagoge, Friedhof, Altneu-Synagoge) dauert etwa zwei Stunden. Für eine ausführlichere Besichtigung inklusive der Spanischen Synagoge und der Museumsausstellungen sollte man 3 bis 4 Stunden einplanen.
Wo finde ich den Kopf von Franz Kafka?
Der berühmte bewegliche Spiegelkopf von David Černý befindet sich nicht in Josefov. Man findet ihn in der Národní třída beim Einkaufszentrum Quadrio. In Josefov bei der Spanischen Synagoge steht die Kafka-Statue von Jaroslav Róna.
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