Vom Flughafen Bukarest fuhren wir in Richtung Târgu Jiu.
Im Stau schaukelten wir uns über die Autobahn, neben der es… nichts gab. Nichts außer abgeblätterten Wänden, verblassten Werbeschildern an ungepflegten Häusern und gelben Feldern mit verdorrtem Gras. Nichts. Eine Kulisse ohne Berge. Ohne irgendetwas. Die göttlich-romantische Landschaft Rumäniens, von der wir so viel gelesen hatten, begann hier jedenfalls nicht – und endete auch nicht hier. Nur Staub, der sich in der trockenen Südwärme auftürmte. Wo zur Hölle haben wir uns da hineingewagt? Ich begann zu befürchten, dass hier wirklich nichts ist.
Und dann sahen wir sie. Roma.
Wie aus einem anderen Jahrhundert. Eine Familie saß auf einer Pferdekutsche – lachend, mitten im Gewühl der Autos, gezogen von einem Pferd im Stadtverkehr. Die Sonne glänzte auf dem Schweiß ihrer Gesichter. Kaum hatten meine Augen sie wirklich wahrgenommen, waren sie auch schon verschwunden – wie Geister, die im Hupkonzert der Ferne verschluckt wurden.
Pferdekutschen sind eines der Symbole Rumäniens. Sie begleiteten uns auf unserer gesamten Reise von Bukarest ins Banat und vom Banat nach Siebenbürgen. Nicht nur Roma fahren damit, sondern auch andere Rumänen.Wilden Hunden begegnet ihr in Restaurants und an Sehenswürdigkeiten
Die Zivilisation – in Form von Motorenlärm und Stadttrubel – hatte sich längst aufgelöst. Wir fuhren weiter durch endlose Leere. Anders lässt es sich kaum beschreiben.
Ein Hund. Kein Haus weit und breit, keine Tankstelle, keine Menschen. Ein Schäferhund-Mischling lief die Straße entlang und hatte es irgendwo eilig. Hatte er beschlossen, spazieren zu gehen? War er jemandem weggelaufen? Nein.
Wilde Hunde sind in Rumänien überall. Man trifft auf Rudel und auf Einzelgänger. Sie leben, wo sie wollen, und die Menschen stört das nicht – sie sind hier wie übergroße Tauben. Manchmal füttert sie jemand. Manchmal streichelt sie jemand. An manchen Orten bellen sie euch freundlich an oder jagen eurem Auto hinterher, wenn ihr langsam fahrt. Aber in der ganzen Zeit hat uns niemand erzählt, dass sie jemandem wirklich etwas getan hätten. Es ist nicht ungewöhnlich, einem wilden Hund in einem Restaurant oder an einer Touristenattraktion zu begegnen. Niemand verscheucht sie. Im Gegenteil – an einer Seilbahn-Aussichtsplattform sahen wir Welpen. Die Mutterhündin schlief entspannt in der Ecke, während Scharen von Touristen die Warteschlange damit verkürzten, mit den neuen Tierfreunden zu kuscheln. Wem gehörten sie? Niemandem. Die Hunde hier sind frei.
Wilden Hunden begegneten wir öfter als Tauben.Roma mit PET-Flaschen auf der Kutsche blieben stehen und starrten
Bis Târgu Jiu war es noch ein gutes Stück, und wir wurden langsam hungrig. Wir beschlossen, in Pitești zu halten und einen Supermarkt zu suchen. Wir fuhren durch Schmutz und Staub, durch ein kleines, trostloses Städtchen, das kaum an Europa erinnerte. Kaum zu erkennen, ob in diesem Haus Menschen wohnen, ob es ein Geschäft ist oder eine Kneipe. Alles versteckte sich hinter verwitterten Markisen und abgebröckeltem Putz.
Wir parkten vor einem eckigen, verblassten Supermarkt neben einem Auto und einer Schuttdeponie, vor der dunkelhäutige Rumänen standen, rauchten und schauten. Ihre Blicke wanderten von oben nach unten, von unten nach oben – unsere hellen Haare und noch nicht staubigen Schuhe wurden gründlich inspiziert.
Und bevor wir zehn Schritte in den Laden gemacht hatten, sah ich, wie Roma, die auf einer Kutsche PET-Flaschen transportierten, anhielten und starrten. Auch ein vorbeifahrendes Auto verlangsamte. Alle verfolgten uns synchron. Eindringlinge.
„Ich komme mir vor wie eine Attraktion“, flüsterte ich.
„Wir sind ihre Attraktion.“ Unsere blonden Haare schrien es regelrecht heraus.
„Wie in China.“
Wir gingen in den Laden – und hatten plötzlich eine Ahnung, wie es bei uns vielleicht in den frühen Neunzigern ausgesehen haben mag. Ein Supermarkt, in dem alles längst seine Farbe verloren hatte, war wie aus einem Märchen über das alte Rumänien ausgeschnitten. Dabei hatten wir alle immer wieder beteuert, dass das so nicht stimmt. „Rumänien ist doch schon in der EU“, hatte ich früher vielleicht etwas zu naiv gesagt.
„Das hier ist das echte Rumänien“, stellte Lukáš fest, als hätte er meine Gedanken gelesen. Wir kauften uns etwas Obst und stiegen schnell wieder ins Auto. Die Blicke der Menschen wurden zunehmend unangenehm.
Laut Navi hatten wir Pitești längst hinter uns gelassen – mit den Augen merkte ich nichts davon, als wir auf einen staubigen Weg nach Golești abbogen. Im Reiseführer hatte ich gelesen, dass sich hier das Muzeul Viticulturii befinden soll, mit einem schönen Schloss darin. Wir fuhren lange auf einem unbefestigten Weg, der Staub stob nach allen Seiten, und die Menschen auf der Straße beobachteten uns mit Interesse. Schnell fahren war unmöglich. Manche winkten uns zu und lächelten. Aus Autos und von Kutschen. Die westliche Delegation war angekommen.
Der staubige Holperweg überzeugte mich jedenfalls nicht davon, dass wir uns einem bewohnten Ort näherten. Wir krochen im Schritttempo voran – und vom Schloss keine Spur.
Wir erreichten einen Stausee, an dem wir zum einzigen Mal auf unserer gesamten Reise fahrende Roma sahen. Wir hielten an und betrachteten diesen romantischen Anblick – als wäre es ein Fenster ins 19. Jahrhundert. Sie faulenzten und rauchten, bis sie bemerkten, dass unser Auto angehalten hatte und ein blonder Kopf mit Kamera sie fotografierte.
Nomadische Roma vor dem Staudamm
„Weiterfahren – das gefällt ihnen nicht.“ Wir überquerten den Staudamm, auf dem Bauarbeiter beschäftigt waren. Sie waren so nah an unserem Auto, dass wir sie fast berühren konnten – wieder diese durchdringenden Blicke, die fragten, was wir hier eigentlich wollten. Oder schauten sie uns nur an? Werd ich schon paranoid?
Ein Kulturzentrum mitten im Nirgendwo – finanziert von der EU
Schließlich erreichten wir ein großes historisches Tor, das der Eingang zu einem Schloss aus dem 17. Jahrhundert sein sollte. Als wir eintraten, sahen wir aber nur ein riesiges Gebäude, das sich komplett in der Renovierung befand.
„Möchten Sie schauen?“ fragte eine etwa sechzigjährige Rumänin in gebrochenem Englisch und stand von einer Bank auf.
„Na gut, jetzt wo wir schon hier sind.“
Die Führerin – die kein Englisch sprach – schickte uns mit Gesten in zwei kleine Räume direkt neben dem Tor. Darin war nichts außer ein paar hässlichen Bildern und Beschriftungen auf Rumänisch, die wir nicht verstanden.
Dann bedeutete sie uns, die Treppe über das Tor hinaufzusteigen, wo ein weiterer Raum und ein Aussichtspunkt auf das renovierte Schloss und die Baustelle warteten.
„Na, dann haben wir ja immerhin zur Renovierung beigetragen…“
„Ja, irgendwie schon…“
Als wir aber wieder herunterkamen, rief die erste Führerin eine zweite herbei und erklärte ihr, dass wir jetzt mit ihr weitergehen sollen. Vielleicht hätten wir das in der Hitze einfach sein lassen sollen, dachte ich.
Führerin Nummer zwei brachte uns hinter das Schloss. Und dann erst begriffen wir, wo wir eigentlich waren.
Rekonstruiertes Dorf vom Beginn des 20. Jahrhunderts
Vor uns lag ein rekonstruiertes Dorf aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ein EU-Projekt. Kleine Holzhäuschen mit zeitgemäßer Einrichtung. Eine Schule, eine Kirche, ein Rathaus, eine Schenke und ein Friedhof. Eine Attraktion, für die man im Heritage Park in Calgary (Kanada) leicht 40–50 € bezahlt – hier fast ohne Besucher. Der einzige Unterschied zu dem kanadischen Park: Hier gab es keine Schauspieler, die die Dorfbewohner gespielt hätten.
Und so schlenderten wir in der stillen, drückenden Hitze durch diese saubere Enklave westlicher Zivilisation, versteckt mitten in dem staubigen Städtchen Golești. Die Führerin übergab uns bald an eine weitere Kollegin, die uns durch den letzten Abschnitt führte. Es wollte kein Ende nehmen. Wie viel haben die hier eigentlich gebaut? Auch Führerin Nummer drei sprach kein Englisch, aber das Schweigen schien ihr unangenehm zu sein – also erzählte sie uns auf Rumänisch, was wir sahen.
Irgendwann deutete alles darauf hin, dass wir uns dem Ausgang näherten. Die letzte Station war vor dem Eingang zum Park, wo weitere Ställe und Häuser im Aufbau waren. Noch nicht fertig – vielleicht deshalb keine Touristen, dämmerte es uns. Im Park gab es ein kleines, sauberes Café und Toiletten sowie eine Bühne. Mit EU-Geldern entstand hier ein Kulturzentrum mitten im Nirgendwo.
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