Mit dem Diplom auf die Müllhalde? Nur in Kibera!

Könnt ihr euch vorstellen, dass Hochschulabsolventen mit ihrem Universitätsdiplom auf die Müllhalde ziehen? In Deutschland würde so etwas höchstens als Protest gegen das Bildungssystem passieren. Aber stellt euch Studierende vor, die fleißig lernen – mit dem Ziel, nach dem Abschluss in die schmutzigsten Ecken ihrer Stadt zu gehen und durch das Sammeln von Abfall ihrer gesamten Gemeinschaft zu helfen. Genau das ist in Kibera Kenia passiert, und diese Geschichte ist absolut wahr.

Diese Geschichte ereignete sich in Kibera, dem größten Armutsviertel der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Auf einer Fläche von nur 2,5 Quadratkilometern leben hier rund eine Million Menschen. Eine solche Einwohnerzahl produziert enorme Mengen Müll – und um dessen Entsorgung kümmerte sich lange Zeit niemand. Es entstanden riesige Deponien, die das Wasser und die Umgebung vergifteten. Dazu fehlt in Kibera nahezu alles: ordentliche Straßen, Gehwege, Beleuchtung, Strom- und Wasserversorgung, Kanalisation – und vor allem Schulen mit einem angemessenen Bildungsangebot.

Am Anfang der Utu Montessori Schule in Kibera standen genau solche, scheinbar unüberwindbaren Müllberge – und eine Gruppe junger Freiwilliger, die durch das Sammeln von Abfall das Schulgeld für einige arme Kinder des Slums aufbrachten. Mit der Zeit weitete sich die freiwillige Hilfe aus. Junge Menschen aus diesem Viertel beschlossen, ihre eigene Schule zu gründen, um noch mehr Kindern helfen zu können.

Kinder in der Utu Montessori Schule in Kibera, Nairobi, Kenia

Die ersten Klassenräume der Utu Montessori Schule wurden von einer Gruppe Freiwilliger unter der Leitung von Ahmed Ibrahim nicht nur durch das Sammeln von Müll finanziert, sondern auch durch dessen kreative Weiterverwendung. Gemeinsam mit Menschen aus dem gesamten Viertel stellten sie daraus recycelte Kleidung, Taschen und Schmuck her. Das Grundstück, auf dem die Schule steht, konnten sie von der Stadt pachten, und die Klassenräume wurden nach und nach – auch mit Unterstützung weiterer Projekte – errichtet.

Großen Anklang fand zum Beispiel die Idee, im Schulgebäude ein Fitnessstudio einzurichten. Überflüssig in einem Slum wie Kibera? Weit gefehlt! Die Geräte wurden aus anderen Fitnessstudios und Sportzentren beschafft, und die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern halfen, die Mahlzeiten für die Kinder und die Gehälter der Lehrerinnen und Lehrer zu finanzieren. Dieselbe Gruppe von Enthusiasten gründete außerdem eine einzigartige Fußballakademie – ein umfassendes soziales Projekt, das weit über den Sport hinausgeht. Neben dem Training werden dort etwa auch Journalismuskurse angeboten. Die Akademie soll jungen Menschen die Aussicht auf eine bessere Zukunft geben – ob als Profifußballer oder in einem ganz anderen Beruf.

Das Engagement dieser jungen Menschen ist bemerkenswert – die Projekte bestechen nicht nur durch ihren einzigartigen Ansatz, sondern auch dadurch, dass sie vielen jungen Menschen aus der Nachbarschaft die Möglichkeit geben, zusammenzukommen und gemeinsam Gutes zu tun. Dank dieser kreativen Ideen kann die Utu Montessori Schule auch Kinder aufnehmen, deren Eltern die Gebühren staatlicher Schulen nicht aufbringen können. Mit ihrer Begeisterung und ihrem ganz besonderen Ansatz hat die Schule bei allen Kindern der Umgebung großen Anklang gefunden – die Klassenräume füllen sich rasend schnell.

Für die Zukunft plant die Schule, die auch dank der tschechischen Organisation Centrum Dialog entstanden ist, weitere Jahrgangsstufen hinzuzufügen. Derzeit gibt es eine Krippe, einen Kindergarten und die ersten drei Grundschulklassen. Der Traum von Centrum Dialog und der lokalen Freiwilligengruppe ist es, in ein eigenes Gebäude oder auf ein eigenes Grundstück umzuziehen. In Kibera ist das allerdings äußerst schwierig – denn obwohl es sich um Land in einem Slum handelt, sind die Preise extrem hoch.

Klassenzimmer in der Utu Montessori Schule in Kibera Nairobi Kenia

Einige Kinder dieser Schule werden über ein Patenprojekt für afrikanische Kinder unterstützt. Dank dieses Programms haben bereits Dutzende Kinder aus Kibera nicht nur die Grund- und weiterführende Schule abgeschlossen, sondern auch ein Studium begonnen.

Centrum Dialog rief das Programm „Adoption afrikanischer Kinder – Fernhilfeprojekt“ im Jahr 2002 ins Leben. Mit Hilfe tschechischer „Adoptivfamilien“ durchliefen bislang mehr als 4.000 Kinder aus Kenia und Guinea das Programm und erhielten so ihre Chance auf Bildung. Wer sich selbst engagieren möchte, dem empfehlen wir, sich hier genauer zu informieren.

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