Rumänien #3: Solange sie keine Gewehre haben, ist alles gut

Der Paprikaverkäufer winkt mir zu.

„Was machst du da?“

„Der Herr möchte ein Foto mit der Paprika machen.“ Der vierzigjährige Verkäufer roter Paprikas posiert, zeigt stolz sein mustergültig angebautes Gemüse und lächelt uns herzlich an. Wir schlendern über den Obst- und Gemüsemarkt in der schmutzigen Stadt Târgu Jiu – einem Ort, dessen große Zeit entweder längst vorbei ist oder gar nie existiert hat. Wer Rumänien urlaub abseits der Touristenpfade erleben möchte, landet früher oder später genau an solchen Orten.

Erster Eindruck von Târgu Jiu
Erster Eindruck von Târgu Jiu

Die Stadt erinnert eher an China als an Europa. Kommunistische Plattenbauten, dreckige Straßen mit eingeschlagenen Fenstern und trostlose Schaufenster, die optisch aus den Fünfzigern stammen. Nur ein einziges modern aussehendes Café deutet an, dass wir uns noch im 21. Jahrhundert befinden – und wirkt in Târgu Jiu dabei ziemlich futuristisch. Aber die Menschen sind freundlich, lachen und beäugen uns neugierig. Als hätten sie ihr Leben lang noch keine Blondinen gesehen.

Paprikaverkäufer
Der Paprikaverkäufer posiert mit seiner Ernte

„Meine Tochter hat in Prag studiert!“ Das verkündet begeistert eine Frau mittleren Alters, die wir nach dem Weg zur Unendlichen Säule (Coloana Fără Sfârșit) gefragt haben. Es sollte für lange Zeit das letzte Englischgespräch in Rumänien bleiben. Mit gebrochenem Englisch erklärte sie uns, in welche Richtung wir zur einzigen sehenswerten Attraktion der Stadt gehen sollen – und trotzdem irrten wir noch gut eine halbe Stunde umher. Irgendwie haben wir uns wohl doch nicht ganz verstanden.

Künstlerisch mit der Säule
Die Säule aus 15 mit Messing verzierten gusseisernen Rhomben, aufgereiht auf einer Stahlachse, stand mitten in einem grünen Park – an dem wir bereits mehrmals vorbeigefahren waren.

Ein Ort mit ungenutztem touristischen Potenzial

Entlang der Donau fuhren wir weiter ins Banat. Dieser gewaltige, mächtige Fluss, der sich durch die Berge schlängelt, wirkt in manchen Abschnitten wie ein noch unentdecktes Reiseziel. Jahrzehnte alte kommunistische Erholungszentren und Kurorte sind hier weit seltener als in anderen Teilen der Donauregion. Ein Großteil des Ufers liegt deshalb in einer menschenleeren Idylle.

Das Einzige, was die idyllische Fahrt trübt, ist der Müll, der nahezu überall herumliegt. Leicht nervös machten uns außerdem die riesigen Felsbrocken auf der Straße, die die Durchfahrt fast unmöglich machten. Jedes Mal, wenn wir danach ein Schild „Achtung, Steinschlag“ sahen, ließ uns das einen kleinen Schauer über den Rücken laufen. (VIDEO)

https://youtu.be/A-NX3etScs0

Landsleute im Ausland halten zusammen

„Wollt ihr mitfahren?“

„Das werden wir wohl kaum ablehnen.“ So antwortete uns ein tschechisches Pärchen um die vierzig, das zum Wandern ins Banat aufgebrochen war. An diesem Tag hatten sie bereits 30 Kilometer zurückgelegt. Zum ersten Mal in unserem Leben nahmen wir Unbekannte ins Auto mit. Wenn man im Ausland auf Landsleute trifft, fühlt man sich ihnen irgendwie sofort näherstehend. Also fuhren wir sie nach Svatá Helena und tranken zusammen ein Bier in der Dorfkneipe. Es war wieder ungefähr 35 Grad heiß.
Das Läuten der Schafsglocken, der Blick auf die stille Donau und Windräder am Horizont – das ist Svatá Helena.

Schafhirte
Tschechischer Schafhirte im Banat

„Guten Tag,“ grüßt uns ein tschechischer Schafhirte. Wir grinsen ihn so breit an, wie es unsere Kinnladen erlauben. Svatá Helena ist ein gepflegtes tschechisches Dorf im Banat. Im Vergleich zum benachbarten rumänischen Dorf ist es eine Oase der Ruhe und Sauberkeit. Die Häuser sind mit bunten Kacheln verziert, die Höfe aufgeräumt, und die Menschen haben runde slawische Gesichter. Und was Lukáš am meisten beeindruckt hat: Sogar die Feuerwehr hat ein tschechisches Schild.

Von irgendwelchen Problemen, wie sie in manchen Reiseberichten über diese Region beschrieben werden, ist hier nichts zu spüren. Eher das Gegenteil.

Wir freundeten uns mit dem örtlichen Hund an, tranken den Anblick der Windräder in vollen Zügen und machten uns dann auf den Weg ins nächste tschechische Dorf – nach Gerník.

20 Kilometer des Schreckens

Wir konnten nicht ganz verstehen, warum 20 Kilometer eine Stunde dauern sollten.

„Das Navi hat wieder keine Ahnung.“ Das redeten wir uns gegenseitig ein – aber bald bereuten wir es, nicht länger in Svatá Helena geblieben zu sein und stattdessen direkt nach Oravița zu fahren.

Das Läuten der Schafe verstummte, ringsum nur noch Felder, auf denen vereinzelt abgemagerte Pferde auftauchten. Die Sonne sank langsam hinter verlassenen Gebäuden, von denen nur noch unheimlich wirkende Plattenbauruinen übrig geblieben waren. Und zwischen diesen Ruinen sahen wir ausgeschlachtete Autos, Kleidungsstücke und Müll. Uns wurde klar: Hier leben keine romantischen Nomaden. Hier leben Menschen, die uns nicht anlachen werden.

Pferde

Wir fuhren in das rumänische Dorf wie aus einem Traum direkt in einen Albtraum. Niemand würde glauben, dass nur wenige Kilometer entfernt gepflegte tschechische Dörfer und eine idyllische Landschaft liegen. Wir schlichen über einen löchrigen, ungeteerten Asphaltweg mit vielleicht 10 km/h. Menschen saßen auf Treppenstufen vor den Häusern und beobachteten uns.

„Solange sie kein Gewehr haben, ist alles gut, oder? Und vor allem: Hier fahren wir nie wieder lang.“ So versuchte ich mich selbst und Lukáš zu beruhigen, als wir die wenig freundlichen Blicke sahen, die das Klicken meiner Kamera begleiteten.

Wir hofften, dass der Asphalt hinter dem Dorf besser werden würde. Er wurde nicht besser – stattdessen verschluckte uns der Wald.

„Wenn uns hier jemand überfällt, können wir nicht mal flüchten.“ Die durchaus realistische Vorstellung von Räubern, die mit Stöcken und Steinen aus dem Wald springen, jagte uns einen gehörigen Schrecken ein.

Das Licht schwand und wir krochen im Schritttempo durch die dichte Landschaft. Im Dunkel öffnete sich der Wald, und vor uns zeichneten sich die Umrisse mehrstöckiger Plattenbauruinen alter Bergwerksanlagen ab. Durch die dunklen Öffnungen sahen wir nichts – aber wir ahnten, dass dort jemand wohnte, genauso wie zwischen den Ruinen vor dem Dorf.

„WAS WAR DAS?“ Irgendwas knackte. Ich drückte mein Gesicht ans Fenster und versuchte, eine Bewegung im Wald auszumachen.

„War das nur ein Stein?“ Lukáš klang nicht besonders überzeugend.

„Fahren wir weg?“

„Fahren wir. Das Auto würden wir hier bald schrotten.“

„Dann müssen wir wieder durch das Dorf…“ Ich jammerte. Ein gutes Gefühl hatte ich dabei nicht. Gleichzeitig freute ich mich, dass ich die Plattenbauten am Eingang, die ich vor Überraschung vergessen hatte zu fotografieren, jetzt noch aufnehmen könnte.

„Fotografier sie bloß nicht.“

„Solange sie kein Gewehr haben, ist alles gut.“ Ich versuchte wieder einen Witz – aber zum Lachen war uns beiden nicht zumute.

„Halt an.“ Ich wies Lukáš an, als wir an den ersten Plattenbauten vorbeifuhren, wo die Familien wohnten.

„Aber nur kurz. Mach schnell.“ Den Motor ließen wir laufen. Wir schauten uns um. Verlassene Felder, nur Stroh hätte noch die Straße entlangrollen können.

„Gut, hab’s.“

Wir wollten losfahren. Da schoss ein Auto heran und fuhr uns direkt in den Weg. Reflexartig schloss ich die Augen, überzeugt, dass er uns rammen würde. Im letzten Moment riss der Fahrer das Steuer herum.

„Was war das!?“

„Keine Ahnung, fahr weg!“ Aber wir beide wussten genau, was er uns damit sagen wollte.

Die ganze Fahrt nach Oravița nagten Paranoia und Adrenalin an mir. Ich konnte die düstere Landschaft – wie eine Kopie aus einem ungarischen Western – nicht genießen. Immer wieder drehte ich mich um und suchte nach einem verfolgenden Auto, während mein Blick die Kilometer bis zum Ziel auf dem Navi regelrecht festnagte.

Als sich die Stadt Oravița vor uns öffnete – trostlos wie die Landschaft drumherum – konnte ich trotzdem nicht aufatmen. Kaum Menschen, keine Touristenattraktion weit und breit. Müll. Abblätternde Wände. Und Dunkelheit.

✈️ Günstige Flüge
Suchen Sie günstige Flüge?
Vergleichen Sie alle Airlines und finden Sie die günstigsten Termine. · Mehr günstige Flüge →
Flüge finden →
📶 DATEN FÜR DIE REISE
Mobiles Internet im Urlaub — per eSIM
⚡ QR-Aktivierung in 2 Min. · 📱 keine physische SIM · 🌍 37 Länder · ab 3 €
eSIM für Europa holen →
✅ Vom Team des Reiseblogs Loudavým krokem · Unser eigenes Projekt — lk-sim.com

Planen Sie eine Reise nach Rumänien? Probieren Sie denselben Reiseführer, den wir verwendet haben

Tipps und Tricks für deinen Urlaub

Zahle nicht zu viel für Flugtickets

Suche Flüge auf Kayak. Es ist unsere Lieblingssuchmaschine, weil sie die Webseiten aller Fluggesellschaften durchsucht und immer die günstigste Verbindung findet.

Buche deine Unterkunft clever

Die besten Erfahrungen bei der Suche nach Unterkünften (von Alaska bis Marokko) haben wir mit Booking.com gemacht, wo Hotels, Apartments und ganze Häuser meist am günstigsten und in der größten Auswahl verfügbar sind.

Vergiss die Reiseversicherung nicht

Eine gute Reiseversicherung schützt dich vor Krankheit, Unfall, Diebstahl oder Flugstornierungen. Wir haben bereits einige Krankenhausbesuche im Ausland hinter uns, daher wissen wir, wie wichtig es ist, eine solide Versicherung abgeschlossen zu haben.

Wo wir uns versichern: SafetyWing (am besten für alle) und TrueTraveller (für extra lange Reisen).

Warum empfehlen wir keine deutsche Versicherung? Weil sie zu viele Einschränkungen haben. Sie setzen Limits für die Anzahl der Tage im Ausland, verlangen bei Kreditkarten-Reiseversicherungen oft, dass medizinische Kosten nur mit dieser Karte bezahlt werden, und begrenzen häufig die Anzahl der Rückreisen nach Deutschland.

Finde die besten Erlebnisse

Get Your Guide ist ein riesiger Online-Marktplatz, auf dem du geführte Spaziergänge, Ausflüge, Skip-the-Line-Tickets, Touren und vieles mehr buchen kannst. Dort finden wir immer etwas besonders Spaßiges!

Verwandte Artikel

ANTWORT SCHREIBEN

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Sie sind hier:

ReisenEuropaRumänien #3: Solange sie keine Gewehre haben, ist alles gut

Aktuelle Blogbeiträge