Sie reisen dafür aus New York, Toronto und sogar Tokio an. Kein Wunder: Jan Čulík hat in Tábor, Tschechien, einen ganz besonderen Ort geschaffen, an dem Poesie aus erstklassigen Weinen besteht und Köche nicht nur für den Gaumen, sondern auch für das Auge zaubern. All das tut er mit einer tiefen Liebe zu seiner Heimatstadt. Im Restaurant wird ausschließlich mit lokalen Zutaten gekocht, die Weine sucht er persönlich auf der ganzen Welt aus. Ein wahres Paradies für alle Weinliebhaber und Freunde moderner böhmischer Küche. Schon gespannt, von welchem Ort die Rede ist? Vielleicht ahnt ihr es bereits: Es geht um das Thir. Und genau dorthin sind wir dieses Wochenende mit Amazing Places aufgebrochen.

An einem eiskalten, aber sonnigen Tag parkten wir mitten im Herzen der Hussitenstadt Tábor. In der frostigen Luft lag der Duft von Zimt und Tannenzweigen, Weihnachtsmusik zog durch die Gassen, und wir bestaunten das reizvolle Stadtzentrum. Vom Žižkaplatz aus machten wir uns auf den Weg zu jenem Haus, in dem einst die Familie eines angesehenen Táboer Historikers lebte.

Die Atmosphäre der Hussitenstadt steckt in jedem Winkel
Kaum treten wir ein, empfängt uns die Atmosphäre eines ehrwürdigen Gebäudes, in dem heute Restaurant und Penzion Thir untergebracht sind. Der Name ist kein Zufall: Jener Historiker hieß Karel Thir. „Seine Familie hat das Haus hier rund dreihundert Jahre lang besessen“, erklärt Honza Čulík, Mitinhaber und Manager des Thir. Es stellt sich heraus, dass Honza und Karel Thir noch etwas verbindet: Ein Vorfahre Honzas besaß im 16. Jahrhundert gleich nebenan eine Brauerei.


Kaum haben wir unsere Sachen in der geräumigen Pension-Suite abgelegt und einen Blick auf die Dächer der mittelalterlichen Stadt Tábor geworfen, zieht es uns auch schon wieder hinunter – zum Aufwärmen mit einer heißen Suppe.

Von der Karottencremesuppe mit Ingwer schwärmt Lukáš noch tagelang – genauso wie von dem zarten Fleischgericht, das danach folgte. Es ist eher ein Kunstwerk auf dem Teller, wunderbare Musik für alle Sinne. Als wir Honza davon erzählen, lacht er nur: „Wartet erst mal auf morgen.“


Zauberhafte Weine, nach denen selbst mehrere Flaschen keinen Kopfschmerz bereiten
Und er hat recht. Wir staunen das ganze Wochenende, schwärmen von allem, was man uns hier serviert – vom Frühstück bis zum Abendessen. Wir essen Gerichte, die wir sonst kaum auf dem Teller haben, und fragen uns, wie dieses göttlich zubereitete Kraut bisher vor der Welt verborgen bleiben konnte. Wer glaubt, wir übertreiben – fährt einfach selbst hin und überzeugt sich. Nur zur Warnung: Ihr werdet noch lange daran denken. Bei unserem Wochenende wird böhmisch gekocht, aber mit der Kreativität der größten Küchenmeister.

In Tábor findet gerade ein Weihnachtsmarkt statt – der Táboer Weihnachtsmarkt ist erfrischend anders: kein kitschiges Standardsortiment, sondern lokale Produkte mit Humor und Tradition. Die Táboer haben eindeutig Sinn für Komik, was uns ein „Altböhmischer Hamburger“ (eine Art Palatschinke mit Würstchen) und Baumschmuck in Baggerform bewiesen – den wir natürlich sofort kaufen mussten.

Draußen halten wir es jedoch nicht allzu lange aus – die Kälte kriecht uns unter die Haut. Also marschieren wir in den Gotischen Saal des Hussitenmuseums, wo eine Weinverkostung auf uns wartet.


Das Weinangebot ist breit gefächert – von italienischen bis zu rumänischen Weinen. Den größten Teil unserer Zeit verbringen wir aber bei Honza und seinen biodynamischen Weinen. Wie er schätzen auch wir authentische Weine, die durch ihren ursprünglichen Geschmack glänzen – ohne Chemie, ohne künstliche Aufbesserung. Besonders ans Herz gewachsen sind uns die schwefelfreien Naturweine. Denn diese Weine sind wirklich zauberhaft: Kein Kopfschmerz, selbst nach mehreren Flaschen.

„Je länger ich internationale Beziehungen studierte, desto mehr merkte ich, wie wichtig lokale Beziehungen sind.“
Auf dem Rückweg ins Penzion überlegen wir, wer dieser Honza eigentlich ist, woher er kommt und wie es ihm gelungen ist, so ein besonderes Haus aufzubauen. Nach der Verkostung und dem Abendessen treffen wir ihn in der Weinbar und befragen ihn ausgiebig.

Honza hat internationale Beziehungen studiert, doch wie er selbst sagt: „Je länger ich internationale Beziehungen studierte, desto mehr merkte ich, wie wichtig lokale Beziehungen sind.“ Nach dem Studium wusste er nicht so recht, was er machen sollte, und flog deshalb nach Kanada, wo er Bäume pflanzte und putzte. „Bei so einer Arbeit hatte ich viel Zeit, über den Sinn des Lebens nachzudenken – und mir wurde immer klarer, dass ich in meine Heimatstadt zurückwill, um sie mitzugestalten und weiterzuentwickeln.“ Wenn er von Tábor erzählt, leuchten seine Augen auf. „Kanada ist ein tolles Land, aber geh hier mal durch Tábor. Solche Städte findest du dort nirgends.“

Das Thir ist nicht sein letztes Projekt: Vor einigen Monaten eröffnete er am Žižkaplatz die Bierstube VÝČEP, wo er Bier aus der lokalen Familienbrauerei Obora ausschenkt. Wer Bier dem Wein vorzieht, sollte unbedingt vorbeischauen. Dazu gibt es etwas zu essen aus der lokalen Metzgerei Liška oder vom Milchhof Bláhův dvůr. Und vielleicht erklingt dabei Musik aus dem Film „Gemütliche Nester“ – denn in dieses wunderbare Lokal kommen regelmäßig Musiker aus der Stadt, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
In Tábor waren wir sicher nicht zum letzten Mal. Schon jetzt freue ich mich darauf, im Frühling wieder durch die Stadt zu schlendern, die Holečkovy-Gärten zu besuchen, die Ctiborův-Mühle mit ihrem Kulturzentrum Cesta zu erkunden und den lokalen Gemeinschaftsgarten anzuschauen. Und natürlich nehmen wir uns von Chris wieder einen fantastischen Käse oder Ricotta-Gnocchi mit nach Hause. Zum Abend dann – Poesie aus Essen und Wein im Thir.
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