Pyramiden und Barentsburg: sowjetische Geisterstädte auf Spitzbergen (Norwegen)

Pyramiden und Barentsburg, zwei atemberaubende und isolierte sowjetische Städte auf dem zu Spitzbergen (Norwegen) gehörenden Archipel, versetzen dich augenblicklich Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit. Die nördlichste Lenin-Statue der Welt blickt hier über den zugefrorenen Fjord direkt auf einen majestätischen Gletscher. Es ist eine bizarre Szene in einer verlassenen Stadt, in der 1998 die Zeit stehen blieb und in der bis heute die Schlüssel in den Wohnungstüren stecken. Diese Utopie bildet zusammen mit dem nahen Barentsburg ein absolutes Weltunikat.

Auf dem norwegischen Archipel findest du nämlich Kohlestädte, die hier seit fast hundert Jahren völlig legal existieren. Während Pyramiden heute ein verlassenes Freilichtmuseum ist, in dem du im Sommer nur eine Handvoll Verwalter triffst, ist Barentsburg noch immer eine funktionierende Bergarbeitersiedlung mit knapp vierhundert Einwohnern. Es ist eine Welt der riesigen Kontraste, der rauen nordischen Natur und der allgegenwärtigen sowjetischen Ästhetik, die dich zeitweise ungläubig staunen lässt.

Wir haben zehn Dinge für dich zusammengestellt, die du vor der Reise wissen solltest — von der Frage, wie du überhaupt dorthin kommst, über das moralische Dilemma mit der russischen Kasse bis hin zu der Frage, was du (nicht) von der Straße mitnehmen darfst. Du erfährst, wo du sicher übernachten kannst und wie die aktuelle geopolitische Lage die Karten für den normalen Reisenden neu gemischt hat. Glaub mir, Lenin, der in die leere arktische Ödnis blickt, geht dir so schnell nicht mehr aus dem Kopf. 😅

Zusammenfassung für alle, die keine Zeit haben, den ganzen Artikel zu lesen

  • Zwei russische Siedlungen: Auf Spitzbergen (Norwegen) existieren das verlassene Pyramiden und das noch lebendige Barentsburg unter der Verwaltung des russischen Trusts Arktikugol.
  • Erreichbarkeit je nach Saison: Im Sommer kommst du per Schiff von Longyearbyen in die Siedlungen, im Winter fährt man auf mehrtägigen Ausflügen mit Schneemobilen.
  • Geopolitisches Dilemma: Norwegische Tourismusagenturen boykottieren die russischen Staatsdienste, deshalb bringen dich norwegische Schiffe nur zur Besichtigung ohne Ausgaben vor Ort.
  • Eine in der Zeit eingefrorene Stadt: Pyramiden wurde 1998 verlassen, bis heute stehen hier aber das Kulturhaus, ein Schwimmbad und das Hotel Tulpan, in dem man sogar übernachten kann.
  • Die letzte lebendige Siedlung: Barentsburg hat rund 300 Einwohner, ein funktionierendes Kohlebergwerk, eine orthodoxe Kapelle und die nördlichste russische Brauerei.
  • Strenger Schutz: Alles, was aus der Zeit vor 1946 stammt, ist streng geschütztes Denkmal und darf überhaupt nicht angerührt werden.

Wann du in die russischen Siedlungen auf Spitzbergen (Norwegen) aufbrechen solltest

Die Reiseplanung nach Spitzbergen folgt völlig anderen Regeln als der Rest Europas, denn die Jahreszeiten diktieren hier die Transportmöglichkeiten. Auf den Archipel kommst du ausschließlich per Flugzeug ab Oslo oder Tromsø, wobei die Verbindungen nur von SAS und Norwegian bedient werden. Von Deutschland aus fliegst du am einfachsten mit Lufthansa oder Eurowings ab Frankfurt oder München über Oslo. Ein Hin- und Rückflug ab Oslo kostet meist rund 260 €, im Angebot geht es aber auch günstiger. Vergiss deinen Reisepass nicht, denn Spitzbergen liegt außerhalb des Schengenraums und am Flughafen erwartet dich eine Passkontrolle.

Wenn du beide sowjetischen Städte vom Deck eines Schiffs aus sehen möchtest, ist die ideale Zeit von Ende Mai bis Oktober. In dieser Zeit schmilzt das Meereis in den Fjorden und die Ausflugsschiffe aus Longyearbyen können sicher an den Molen in Pyramiden und Barentsburg anlegen. Während des arktischen Sommers erlebst du das Phänomen der Mitternachtssonne, wenn es von Ende April bis Ende August ganze 24 Stunden am Tag hell ist. Die Temperaturen liegen im Juli und August um die 5 bis 8 °C, was nach mäßiger Kühle klingt, aber der arktische Wind senkt die gefühlte Temperatur erheblich. Wollthermounterwäsche, eine gute winddichte Jacke und Fäustlinge statt Fingerhandschuhe werden deine besten Freunde sein. ☺️ Rechne außerdem damit, dass die sommerliche Tundra ordentlich durchnässt und matschig sein kann, deshalb kommst du ohne gute wasserdichte Schuhe definitiv nicht aus.

Ein Winterbesuch von Februar bis Anfang Mai verspricht dagegen ein raueres arktisches Abenteuer. Die Fjorde sind fest zugefroren und in die Siedlungen fährt man auf mehrstündigen Ausflügen mit Schneemobilen. Extrem beliebt ist die Zeit um Ende Februar und Anfang März, wenn wieder das wunderschöne blaue Licht in die Landschaft zurückkehrt und Fotografen voll auf ihre Kosten kommen — die Temperaturen fallen dann aber häufig auf -20 °C. Seit 2025 gelten auf dem gesamten Archipel zudem sehr strenge Regeln zum Naturschutz. Ausflugsschiffe dürfen in Schutzgebieten maximal 200 Passagiere an Bord haben und die vorgeschriebenen Abstände zu wildlebenden Tieren wurden deutlich vergrößert. An Eisbären dürfen sich Schiffe höchstens auf 300 Meter annähern, in den Frühlingsmonaten sogar nur auf einen halben Kilometer — ein gutes Fernglas ist heute also absolute Pflicht.

Wo du auf Spitzbergen und in den Siedlungen übernachtest

💡 Tipp für Unterkunft und Erlebnisse: Unterkünfte suchen wir am liebsten auf Booking.com, wo es meist die besten Stornobedingungen gibt. Eintrittskarten, Ausflüge und Aktivitäten lohnt es sich dann über GetYourGuide zu vergleichen und zu buchen.

Die meisten Reisenden wählen als Hauptbasis die norwegische Stadt Longyearbyen, von der aus sie Tagesausflüge in die Umgebung unternehmen. Longyearbyen hat einiges zu bieten — von gemütlichen Hostels in umgebauten Bergarbeiterunterkünften bis hin zu Hotels, in denen du im Whirlpool mit Blick auf den Fjord entspannst. Die Preise sind entsprechend, buche also rechtzeitig im Voraus und wähle mit Bedacht. Die Hauptsaison von März bis August ist nämlich blitzschnell ausgebucht.

Für maximalen Komfort ist das Radisson Blu Polar Hotel Spitsbergen eine hervorragende Wahl, das direkt im Stadtzentrum liegt. Aus den Outdoor-Whirlpools bietet es unglaubliche Ausblicke auf den Fjord, und eine Nacht im Doppelzimmer kostet hier meist 280 bis 370 €. Wenn du eine unvergessliche Trapper-Atmosphäre suchst, schau dir das Basecamp Hotel an, das aus Treibholz und alten Robbenfellen gebaut ist. Es ist ein wunderschönes Design-Kleinod, in dem du dich wie ein echter Polarforscher fühlst, preislich liegt es aber noch etwas höher.

Für Reisende mit knapperem Budget empfehlen Einheimische oft das Gjestehuset 102 im Tal Nybyen. Es liegt zwar rund dreißig Gehminuten vom Zentrum entfernt, was bei einem Schneesturm eine echte Herausforderung sein kann, aber die Atmosphäre der alten Bergarbeiterunterkunft hat ihren enormen Charme. Ein Bett im Mehrbettzimmer bekommst du hier schon ab etwa 65 € pro Nacht, und das ist für arktische Verhältnisse fast unglaublich — hier kaufst du dir für eine Nacht fast nicht mal ein Taxi zum Flughafen. Die geteilte Küche ist zudem ein toller Ort, um am Abend Erlebnisse mit anderen Abenteurern auszutauschen.

Wenn du dir ein völlig isoliertes Erlebnis wünschst, kannst du sogar direkt in den russischen Siedlungen übernachten. In Pyramiden gibt es das sommerliche Hotel Tulpan, das sehr spartanisch ist, aber in einer verlassenen Geisterstadt zu übernachten soll ein Erlebnis sein, bei dem einem der kalte Schauer über den Rücken läuft. Im lebendigeren Barentsburg findest du dann das renovierte Hotel Barentsburg mit deutlich moderneren Annehmlichkeiten. Zimmer in diesen russischen Siedlungen findest du aber nicht auf den üblichen Portalen, und Buchungen werden heute ausschließlich direkt mit dem dortigen russischen Betreiber abgewickelt.

10 Tipps und Fakten über Pyramiden und Barentsburg

Diese beiden arktischen Siedlungen sind kein gewöhnlicher Ausflug jenseits des Polarkreises. Es sind Orte, an denen die raue nordische Natur voll auf Geschichte und eine höchst komplizierte Politik trifft. Wenn du durch die verlassenen Straßen gehst, spürst du bei jedem Schritt die Last der Vergangenheit, während über deinem Kopf die Möwen kreischen und in der Ferne der Gletscher knackt.

Wir haben das Wichtigste für dich ausgewählt, was du vor der Reise wissen musst — egal ob dich vergessene sowjetische Architektur interessiert oder du dir überlegst, ob es überhaupt ethisch vertretbar ist, heutzutage hierher zu reisen. Mach dich darauf gefasst, dass dir Spitzbergen eine Welt zeigt, die du wirklich sonst nirgends sehen wirst.

1. Warum gibt es auf norwegischem Gebiet russische Städte?

Vielleicht fragst du dich, wie es überhaupt möglich ist, dass auf souveränem norwegischem Gebiet komplett russische Kohlesiedlungen legal existieren. Die Antwort liegt im berühmten Spitzbergen-Vertrag von 1920, der fünf Jahre später in Kraft trat. Er sprach zwar Norwegen die volle Souveränität über den Archipel zu, garantierte aber gleichzeitig den Bürgern aller Unterzeichnerstaaten völlig gleiche Rechte zum Aufenthalt und zum Wirtschaften. Die Inseln mussten dauerhaft demilitarisiert bleiben und sämtliche erhobenen Steuern müssen zurück in die raue lokale Infrastruktur investiert werden.

Diese einzigartige geopolitische Lücke nutzte die Sowjetunion und kaufte Pyramiden 1932 von den ursprünglichen schwedischen Besitzern. Um die Verwaltung beider Städte kümmert sich seither der russische Staatstrust Arktikugol, der hier eine eigene funktionierende, von den Norwegern unabhängige Welt aufbaute. Eine große Kuriosität ist, dass dem Abkommen schon 1930 auch die damalige Tschechoslowakei beitrat — und diese Rechte gelten heute für Tschechien. Auch deutsche Staatsbürger können übrigens auf Spitzbergen legal leben, arbeiten und wirtschaften, völlig ohne Visum beantragen zu müssen, was die Inseln zu einem der freiesten Orte der Welt macht.

2. Pyramiden als Schaufenster der Sowjetunion

In seiner goldenen Ära in den 70er- und 80er-Jahren war Pyramiden kein gewöhnliches Kohlelager, sondern eine echte arktische Utopie. Die Stadt bekam ihren Namen übrigens von dem pyramidenförmigen Berg, der sich direkt über ihr erhebt. Dauerhaft lebten hier über tausend Einwohner, die inmitten der eisigen Ödnis über unglaublichen Luxus und Komfort verfügten. Die Sowjetunion schickte enorme Subventionen hierher, um der westlichen Welt zu zeigen, wie großartig und modern man selbst tief hinter dem Polarkreis leben kann. Es war schlicht eine Vorzeigestadt des kommunistischen Regimes, gebaut unter den absolut härtesten klimatischen Bedingungen.

Die Bergleute und ihre Familien konnten einen wunderschönen Kulturpalast mit großem Konzertsaal nutzen, wo bis heute ein verlassener Flügel auf der Bühne steht. Es fehlte auch nicht ein voll beheiztes Schwimmbad, eine große Sporthalle mit einem eigens aus dem fernen Sibirien herbeigeschafften Parkettboden und sogar beheizte Gewächshäuser für den Anbau von frischem Gemüse. Es gab hier sogar eine Viehzucht, damit die Bewohner Milch hatten. Zeitzeugen erinnern sich, dass die Menschen vom Festland wie zu einer Goldgräberexpedition hierherzogen — für deutlich besseren Lohn, frische Milch und Gemüse, das im sowjetischen Versorgungsnetz sonst kaum zu sehen war.

3. Der nördlichste Lenin mit Blick auf den Gletscher

Wenn du heute nach Pyramiden kommst, sticht dir wahrscheinlich sofort die nördlichste Büste von Wladimir Iljitsch Lenin der Welt ins Auge. Dieses majestätische Denkmal steht auf dem leeren Platz vor dem Kulturhaus und sein Blick richtet sich direkt über den zugefrorenen Fjord zum wunderschönen Gletscher Nordenskiöldbreen. Es ist ein so absurder und visuell starker Kontrast, dass Fotografen aus der ganzen Welt für Tagesausflüge genau wegen dieses einen Motivs hierherkommen.

Die Stadt atmet eine seltsame Leere: Die Boulevards sind still, von den Plattenbauten bröckelt der Putz, und irgendwo zwischen den Häusern streifen ganz gemütlich Eisbären umher, denen deine Ankunft ziemlich egal ist. Ausländische Reisende beschreiben die Atmosphäre als zutiefst beunruhigend — man hat das Gefühl, die Bewohner seien nur kurz weggegangen und kämen jeden Moment zurück, dabei sind sie seit 1998 nicht zurückgekehrt. Gerade wegen der allgegenwärtigen Bären darfst du dich in der Stadt ausschließlich in Begleitung eines bewaffneten Guides bewegen, der eine Büchse und eine Signalpistole bei sich trägt. Seit 2025 gilt zudem die strenge Regel, einen Abstand von mindestens 300 Metern zu den Bären zu halten, für Detailaufnahmen der Tiere brauchst du also ein ordentliches Teleobjektiv.

4. Eine Nacht in der Geisterzone: Hotel Tulpan

Lange Jahre nach der Aufgabe der Stadt war es unmöglich, in Pyramiden offiziell zu übernachten, Touristen kamen von Longyearbyen nur für einen mehrstündigen Abstecher. Das änderte sich 2013, als Trust Arktikugol das Hotel Tulpan teilweise renovierte und wiedereröffnete. Heute leben hier in der Sommersaison rund zehn bis zwanzig Mitarbeiter, die den Betrieb des Hotels aufrechterhalten, die riesigen Dieselgeneratoren warten und die Handvoll Abenteurer führen, die sich entscheiden, über Nacht zu bleiben. Die Schiffsfahrt hierher kostet dabei je nach Anbieter etwa 2 800 bis 3 900 norwegische Kronen (rund 240 bis 330 €).

Erwarte aber keine luxuriöse Wellness. Die Unterkunft ist sehr karg und spartanisch, die Zimmer erinnern eher an eine bessere Unterkunft aus den siebziger Jahren und warmes Wasser fließt nur ab und zu. Im Hotel gibt es aber eine kleine Bar und einen kleinen Souvenirladen, wo du originale sowjetische Anstecker kaufen kannst, die du woanders nur schwer bekommst. Reisende weisen in Foren darauf hin, dass die Dienstleistungen in einem etwas retro anmutenden Modus laufen und für Ausgaben oft eine Barzahlung verlangt wird. Trotzdem soll der nächtliche Spaziergang durch die verlassene Stadt, wenn die Motoren der Ausflugsschiffe verstummen und absolute arktische Stille herrscht, ein absolut faszinierendes Erlebnis sein, das dir sonst nirgends auf der Welt vergönnt ist.

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5. Die Tragödie am Operafjellet und das Ende einer Ära

Was hat eigentlich dazu geführt, dass sich eine so prosperierende und subventionierte Stadt in eine verlassene Geisterstadt verwandelte? Der Anfang vom Ende war eine gewaltige Flugtragödie vom 29. August 1996. Ein russisches Flugzeug vom Typ Tupolew Tu-154, das Bergleute und ihre Familien von Moskau zurück zu den Bergwerken auf Spitzbergen brachte, prallte bei schlechtem Wetter gegen den Berg Operafjellet nahe Longyearbyen. Bei dem Unglück kamen alle 141 Menschen an Bord ums Leben, was bis heute die absolut schwerste Flugkatastrophe in der Geschichte ganz Norwegens darstellt.

Dieses Ereignis bedeutete für die russische Gemeinschaft auf Spitzbergen einen enormen psychologischen und wirtschaftlichen Schlag. Der Kohleabbau in Pyramiden war zudem immer weniger rentabel, und zwei voll funktionierende Siedlungen zu unterhalten war für die dahinsiechende russische Wirtschaft der neunziger Jahre schlicht untragbar. Es fiel deshalb die endgültige Entscheidung, die Stadt komplett zu evakuieren. Innerhalb weniger Monate des Jahres 1998 packten die Menschen nur das Nötigste, schlossen die Wohnungen ab und überließen die Stadt dem arktischen Frost, der sie perfekt konservierte — für künftige Generationen.

6. Barentsburg: die letzte lebendige russische Siedlung

Während Pyramiden einschlief, lebt Barentsburg bis heute und baut Kohle ab. Aktuell wohnen hier laut den letzten Statistiken dauerhaft etwas über dreihundert Einwohner, überwiegend Bergleute aus Russland und Tadschikistan. Wenn du hier per Schiff ankommst, empfängt dich eine deutlich lebendigere Atmosphäre, auch wenn der allgegenwärtige Kohlestaub und der Rauch aus den Schornsteinen klarmachen, dass es sich um einen außergewöhnlich harten Industrieort handelt. Das lokale Kohlebergwerk fördert auch heute noch rund 100.000 Tonnen Kohle pro Jahr.

Die Geschichte der Siedlung ist dabei sehr bewegt, denn während des Zweiten Weltkriegs wurde sie von den deutschen Schlachtschiffen Tirpitz und Scharnhorst praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Die meisten heutigen Gebäude stammen daher aus dem Wiederaufbau der Nachkriegszeit. Beim Spaziergang halten dich sowjetische Mosaike an den Fassaden der Häuser auf, die die Eroberung der Arktis feiern und überraschend unverbraucht aussehen. Gleich daneben steht eine hölzerne orthodoxe Kapelle, die in der ganzen Industriekulisse fast poetisch wirkt. Du findest hier auch ein interessantes Museum über die Geschichte der alten russischen Jäger und sogar ein voll funktionierendes russisches Konsulat, dessen Präsenz inmitten der eisigen Ödnis völlig surreal wirkt. Barentsburg hat kürzlich seine Dienstleistungen verbessert, sodass man hier in vielen Fällen schon mit Karte zahlen kann, und es gibt sogar ein kleines Postamt, von dem du eine Ansichtskarte mit russischer Briefmarke nach Hause schickst.

7. Wo du essen kannst: Die nördlichste Brauerei und traditioneller Borschtsch

💡 Tipp: Wenn du nach Barentsburg kommst, darfst du auf keinen Fall die Brauerei Krasnyj Medwed verpassen, die sich mit dem Titel der nördlichsten russischen Brauerei der Welt schmückt. Das lokale Craft-Bier wird hier aus reinem Gletscherwasser gebraut und bringt dich nach einem eisigen Stadtspaziergang garantiert wieder auf die Beine. Über Alkohol auf Spitzbergen könnte man Romane schreiben, denn auf dem gesamten Archipel gilt ein strenges Rationierungssystem. Die Einheimischen dürfen sich monatlich maximal 24 Bier und zwei Flaschen Spirituosen kaufen. Als Tourist kaufst du Alkohol in den Läden nur dann, wenn du an der Kasse deinen Rückflugschein vorzeigst.

Teil des Brauereikomplexes ist auch ein traditionelles Restaurant, in dem klassische russische und ukrainische Gerichte serviert werden. Laut den Bewertungen von Reisenden macht man hier ausgezeichneten heißen Borschtsch oder traditionelle Pelmeni; auf der Speisekarte tauchen auch fleischlose Varianten auf. Das Essen ist ehrlich, sättigend und passt perfekt zum rauen arktischen Klima. Und das wird dir umso mehr bewusst, wenn du bedenkst, dass jede einzelne dieser Kartoffeln über die halbe Arktis hierhergekommen ist.

8. Geopolitik und das moralische Dilemma der Reisenden

Der Besuch der russischen Siedlungen hat seit Anfang 2022 einen großen moralischen Haken. Nach der russischen Invasion in der Ukraine beschloss die norwegische Tourismuszentrale Visit Svalbard, den staatlichen Trust Arktikugol, der beide Städte betreibt, komplett zu boykottieren. Die Produkte des russischen Tourismusablegers Grumant verschwanden daher völlig von allen offiziellen norwegischen Buchungsportalen, sodass du sie auf dem üblichen Weg über das norwegische Infozentrum schlicht nicht buchen kannst.

Als Reisender stehst du damit vor einer schwierigen Wahl. Du kannst mit einer norwegischen Reederei fahren, etwa Henningsen, die dich zwar in die Siedlungen bringt, aber aus ethischen Gründen gilt an Bord ein striktes Verbot jeglicher Ausgaben vor Ort. Du kannst dann nur spazieren gehen und fotografieren. Oder du kaufst dir ein Tageserlebnis direkt über die russischen Betreiber, für das du rund 3 900 norwegische Kronen (etwa 330 €) zahlst — im Bewusstsein, dass dein Geld direkt in die russische Staatskasse fließt. Es ist ein sehr sensibles Thema, das in Reiseforen leidenschaftlich diskutiert wird, und jeder muss es innerlich für sich selbst beantworten.

9. Der Stand im Jahr 2026 und das ökologische Ultimatum

Und wie sieht die aktuelle Situation in den Siedlungen aus? Laut den offiziellen Statistiken der norwegischen Behörde lebten Anfang 2026 in Barentsburg und Pyramiden zusammen 392 Einwohner, was ein ziemlich deutlicher Rückgang gegenüber den Vorkriegsjahren ist. Die norwegische Regierung bemüht sich zudem, ihren eigenen Einfluss in der Region zu stärken, und beobachtet sämtliche Aktivitäten des russischen Bergbauunternehmens genau. Ein aussagekräftiger Kontrast: Die Norweger schlossen im Sommer 2025 feierlich ihr letztes Kohlebergwerk Gruve 7, während nur ein Stück weiter der russische Abbau ganz ungerührt weitergeht.

Bei den jüngsten Inspektionen entdeckten die norwegischen Behörden zudem schwerwiegende ökologische Verstöße, insbesondere im Zusammenhang mit gefährlichen Lecks aus alten Treibstofftanks. Trust Arktikugol erhielt deshalb vom lokalen Gouverneur ein hartes Ultimatum und eine ökologische Frist zur Behebung bis Oktober 2026. Wenn er diese massiven Mängel nicht rechtzeitig behebt, drohen ihm astronomische Strafen und eine mögliche dramatische Betriebseinschränkung. Die Zukunft beider russischer Siedlungen ist damit momentan sehr ungewiss, und es ist möglich, dass wir an der Schwelle zu ihrem Ende stehen.

10. Strenge Regeln und unantastbare Denkmäler

Wenn du dich nach Pyramiden oder Barentsburg aufmachst, musst du unbedingt die lokalen Gesetze zum Schutz des Kulturerbes respektieren. Auf ganz Spitzbergen gilt nämlich eine faszinierende Regel: Alle Gegenstände und Bauten, die aus der Zeit vor 1946 stammen, sind automatisch geschütztes Denkmal. Das betrifft alte verrostete Fässer, verlassene Holzhütten und Walknochen am Strand. Rund um all diese historischen Relikte gilt zudem eine strenge hundert Meter breite Schutzzone.

Aus Pyramiden darfst du also absolut nichts mitnehmen, nicht mal die kleinste vergessene Schraube oder ein Stück Kohle von der Straße. Seit 2025 gilt außerdem ein striktes Verbot, mit Drohnen zu fliegen in allen Nationalparks und Reservaten, Luftaufnahmen kannst du also gleich vergessen. Gleichzeitig gilt ein absolutes Verbot, verlassene Gebäude ohne offiziellen lokalen Guide zu betreten. Die alten verfallenen Strukturen können sehr instabil sein und es besteht echte Verletzungsgefahr, halte dich also immer nur an die markierten Wege und befolge die Anweisungen deiner Begleitung.

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Wohin es dich von Spitzbergen aus weiterzieht

Wenn du eine Reise in diese großartige arktische Wildnis planst, lass unbedingt unsere weiteren Guides nicht aus, die dir bei der Vorbereitung helfen. Einen allgemeinen Überblick darüber, wie du packst und was dich erwartet, findest du im Artikel Spitzbergen: was du am Ende der Welt sehen und erleben kannst. Für eine detaillierte Erkundung der norwegischen Basis lies unsere Tipps für Longyearbyen: was du sehen solltest.

Wenn du konkrete Inspiration für Aktivitäten außerhalb der Städte suchst, haben wir eine ausführliche Übersicht im Text Ausflüge und Schifffahrten auf Spitzbergen. Und wenn du eher auf lokale Kuriositäten stehst und wissen willst, warum hier eine Alkoholrationierung gilt oder warum hier keine Katzen leben dürfen, schau dir Wissenswertes über Spitzbergen an.

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Häufig gestellte Fragen

Kann man Pyramiden überhaupt besuchen?

Ja, die verlassene Stadt lässt sich legal bereisen – entweder mit sommerlichen Ausflugsbooten oder im Winter mit dem Schneemobil von Longyearbyen aus. Allerdings dürfen Sie sich immer nur in Begleitung eines bewaffneten Guides bewegen, da zwischen den Häusern gelegentlich Eisbären umherstreifen.

Ist es vor Ort sicher?

Sicherheit hat auf Svalbard absolute Priorität. In den Siedlungen selbst droht keine Kriminalität, das Hauptrisiko sind das arktische Wetter und die Wildtiere. Organisierte Ausflüge haben immer Guides dabei, die mit einem Gewehr und einer Signalpistole für den Fall einer Bärenbegegnung ausgerüstet sind. Aus Sicherheitsgründen dürfen die verfallenen Gebäude nicht ohne Aufsicht betreten werden.

Kann man auch im Winter hinfahren?

Ein Winterbesuch ist möglich und bei Abenteurern beliebt, körperlich aber deutlich anspruchsvoller, da man über die zugefrorenen Fjorde mit Schneemobilen zu den Siedlungen fährt. Während der Polarnacht (bis Februar) werden kaum Ausflüge organisiert, die Hauptsaison beginnt von März bis Anfang Mai, wenn das Tageslicht zurückkehrt und die Bedingungen für die Fahrt absolut ideal sind.

Darf man in Pyramiden in die alten Gebäude hinein?

Die Grundregel lautet: Ein selbstständiger Zutritt zu jedem verlassenen Gebäude ist streng verboten. Marode Decken und Böden können gefährlich sein. Offizielle Guides nehmen Sie aber während der Besichtigung sicher mit ins Kulturhaus, ins Schwimmbad oder in die alte Kantine, wo der Zustand der Gebäude laufend kontrolliert wird.

Wie viele Menschen leben dort heute eigentlich?

Laut offiziellen norwegischen Statistiken lebten Anfang 2026 in Barentsburg und Pyramiden zusammen genau 392 Einwohner. Die meisten von ihnen leben dauerhaft in Barentsburg, während in Pyramiden nur saisonales Personal in einer Größenordnung von etwa 10 bis 20 Leuten lebt, die sich um die Instandhaltung und die Touristen kümmern.

Warum ist Russland immer noch dort, wenn es sich nicht rechnet?

Für die Russische Föderation haben die Siedlungen auf Spitzbergen eine enorme geopolitische und strategische Bedeutung. Die Aufrechterhaltung einer aktiven Gemeinde, des Bergbaus und eines eigenen Konsulats sichert ihnen eine legale physische Präsenz in der Arktis – direkt auf dem Territorium eines NATO-Mitgliedstaats. Der Kohleabbau ist daher eher ein Vorwand, um den Machteinfluss in der Region zu behalten.

Kann man in Pyramiden wirklich übernachten?

Ja, so unglaublich es klingt – eine Übernachtung ist im Hotel Tulpan möglich, das nach Jahren teilweise renoviert wurde. Erwartet keinen Komfort: Die Zimmer sind sehr einfach und warmes Wasser fließt nur gelegentlich, aber die Möglichkeit, eine Nacht in der absoluten Stille einer arktischen Geisterstadt zu verbringen, lockt Fotografen aus aller Welt an.

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