Mittelalterliche Steinmauern, von denen du direkt auf verglaste Start-up-Büros voller digitaler Nomaden hinabblickst. Tallinn in Estland ist ein Paradebeispiel für faszinierende Kontraste, in dem sich die reiche Hanse-Geschichte nahtlos mit dem Ruf als digitalster Staat ganz Europas verbindet. Während in den verwinkelten Kopfsteinpflastergassen eine jahrhundertealte Atmosphäre weht, bezahlst du deinen Kaffee hier ganz selbstverständlich mit dem Handy und schnelles WLAN erwischst du wohl sogar tief im Kiefernwald.
Viele Reisende machen leider einen entscheidenden Fehler, wenn sie die estnische Metropole nur als schnellen Tagesausflug aus dem nahen Helsinki betrachten. Schlag halb zehn morgens ergießen sich nämlich die Touristenmassen aus den riesigen Kreuzfahrtschiffen und das historische Zentrum verwandelt sich schlagartig in einen lauten, überfüllten Rummelplatz. Wenn du aber über Nacht in der Stadt bleibst, erlebst du eine ganz andere, viel authentischere Welt. Am Abend leeren sich die Straßen wie von Zauberhand, die alten schmiedeeisernen Laternen leuchten auf und du hast das echte nordische Märchen fast für dich allein.
Hier hast du 20 Tipps, wie du aus Tallinn das absolute Maximum herausholst – vom morgendlichen Sich-Verlieren in den Stadtmauern bis zur Flucht vor den Mittagsmassen in die kreativen Viertel. Ich zeige dir, wo du dich verstecken kannst, wo du übernachtest und wie der örtliche Nahverkehr funktioniert. Es wäre nämlich riesig schade, die verborgenen Schichten dieser Stadt nicht zu entdecken, die weit über die beliebte Altstadt hinausreichen.

Zusammenfassung für alle, die keine Zeit haben, den ganzen Artikel zu lesen
- Bleib über Nacht: So entgehst du den extremen Menschenmassen von den Kreuzfahrtschiffen, die das Zentrum etwa von 9:30 bis 18:00 Uhr verstopfen.
- Erkunde die Altstadt am Morgen: Die historischen Gassen und die Aussichtspunkte auf dem Domberg Toompea genießt du am besten früh morgens oder umgekehrt nach Sonnenuntergang.
- Flucht hinter die Mauern: Erkunde tagsüber die kreativen Viertel Telliskivi und Kalamaja oder ruh dich im modernen Hafen Noblessner aus.
- Päevapraad rettet dich: Halte zum Mittagessen immer nach Tafeln mit dem Tagesmenü Ausschau – dank ihnen isst du hervorragend zu einem Bruchteil des üblichen Abendpreises.
- Verkehr in der Stadt: Der Nahverkehr ist für Touristen zwar kostenpflichtig (ein 24-Stunden-Ticket kostet 5,50 €), aber absolut zuverlässig, und zum Bezahlen reicht es, einfach die Karte anzutippen.
- Fähre nach Finnland: In nur zwei Stunden bequemer Überfahrt erreichst du Helsinki – ein idealer Tipp, um deine Reiseroute zu bereichern.

Wann nach Tallinn reisen
Eine Reise nach Estland zu planen ist ein bisschen so, als würdest du zwischen zwei völlig unterschiedlichen Ländern wählen, denn Wetter und Licht bestimmen hier absolut alles. Während sich die Sonne im Dezember nur knapp sechs Stunden über den Horizont kämpft und das ganze Land in Dunkelheit versinkt, erwarten dich im Juni unglaubliche neunzehn Stunden Tageslicht. Diese berühmten Weißen Nächte bedeuten, dass es im Sommer eigentlich nie richtig dunkel wird, was zum Reisen absolut magisch ist – auch wenn du dir vielleicht eine Schlafmaske einpacken musst. Das größte Fest des Jahres ist hier der sogenannte Jaanipäev (die Johannisnacht vom 23. auf den 24. Juni), wenn sich die Stadt leert, weil alle Einheimischen aufs Land fahren, um riesige Feuer zu entzünden.
Die Sommermonate Juli und August sind der absolute Höhepunkt der Touristensaison, wenn sich die Temperaturen gewöhnlich zwischen 20 und 25 Grad Celsius bewegen. Obwohl viele Leute hierherkommen, um der mitteleuropäischen Hitze zu entfliehen, kann die Sonne hier ganz schön stechen und die Parks füllen sich mit picknickenden Einheimischen. Der Preis für dieses schöne Wetter sind allerdings die riesigen Menschenmassen von den Kreuzfahrtschiffen, die Tag für Tag die engen Gassen der Altstadt fluten. Wenn du im Sommer auch in die umliegende Natur willst, pack ein starkes Mückenschutzmittel ein, denn die Aktivität der Mücken in den estnischen Sümpfen erreicht im Juli ihren Höhepunkt und das ganze Land gehört zum Hochrisikogebiet für Frühsommer-Meningoenzephalitis.
Wenn du nicht an die Schulferien gebunden bist, ist der September eindeutig der heilige Gral für einen Besuch. Die Touristenmassen dünnen deutlich aus, die Hotelpreise fallen und die Natur in den umliegenden Nationalparks beginnt sich wunderschön in herbstliche Farben zu färben. Zudem verschwinden die lästigen Mücken aus den Wäldern, was Spaziergänge auf den Holzstegen zu einer wahren Freude macht. Du kannst sogar direkt am Wegesrand Pilze oder Preiselbeeren sammeln. Der September bietet schlicht das Beste aus beiden Welten – genug Sonne für Spaziergänge und genug Ruhe, um die echte Atmosphäre aufzusaugen.
Oktober und November sind dagegen eher eine Härteprobe, denn es kommen nasskalte Tage, häufiger Regen und frühe Dunkelheit. Doch alles wendet sich wieder mit dem Beginn des Advents, wenn sich Tallinn in ein Wintermärchen verwandelt. Am Rathausplatz öffnet der Weihnachtsmarkt, der 2019 den Titel des besten in Europa gewann. Man trinkt hier heißen Glühwein (glögi) und die Sonne scheint zwar nur wenige Stunden, hält sich aber tief über dem Horizont, sodass die Stadt in eine wunderschöne, ganztägige goldene Stunde getaucht wird. Und wenn du im Januar oder Februar ankommst, erlebst du einen echten nordischen Winter, in dem manchmal sogar einzigartige offizielle Straßen direkt über das gefrorene Meer geöffnet werden.

Wo übernachten in Tallinn
💡 Tipp für Unterkunft und Erlebnisse: Unterkünfte suchen wir am liebsten auf Booking.com, wo es meist die besten Stornobedingungen gibt. Eintrittskarten, Ausflüge und Aktivitäten lohnt es sich dann über GetYourGuide zu vergleichen und zu buchen.
Wo du in Tallinn schläfst, hängt wirklich stark davon ab, was du von der Stadt erwartest. Die Stadt ist zwar kompakt und du kommst überall relativ schnell hin, aber jedes Viertel hat eine völlig andere Atmosphäre. In den letzten Jahren erlebt Tallinn zudem einen riesigen Hotelboom. Preislich hat sich die estnische Metropole leider längst den westlichen Städten angenähert, wozu auch die kürzliche Erhöhung der Übernachtungssteuer auf 13 Prozent beigetragen hat. Mit einer richtig günstigen Übernachtung im Zentrum solltest du daher lieber nicht rechnen – der Durchschnittspreis pro Nacht liegt bei etwa 90 bis 100 €.
Wenn du dir Romantik wünschst und alle Hauptsehenswürdigkeiten gleich um die Ecke haben willst, wähle einen Aufenthalt direkt in der Altstadt (Vanalinn). Morgens bist du als Erster an den Aussichtspunkten und abends genießt du die beleuchteten Stadtmauern in völliger Ruhe. Eine großartige Wahl ist hier das ikonische Hotel Telegraaf, das in einem historischen Gebäude der ehemaligen Post residiert und ein wunderschönes Spa bietet. Von den luxuriösen Optionen fällt sicher das Fünf-Sterne-Haus The Burman Hotel ins Auge, das vom Michelin-Guide kürzlich die Auszeichnung als neues Hotel des Jahres erhielt. Einen schönen Kompromiss aus Preis und Lage bietet dann das Nunne Boutique Hotel direkt an der alten Stadtmauer.
Für einen ruhigeren Aufenthalt und moderne Architektur zieh es ins Viertel Rotermann oder zum Hafen. Diese Gegenden liegen direkt hinter den historischen Mauern, sodass du nur wenige Minuten zu Fuß ins Zentrum brauchst, aber dem morgendlichen Lärm der Lieferwagen entgehst, die über das Kopfsteinpflaster holpern. Eine hervorragende Basis ist hier das moderne Hyatt Place Tallinn, das perfekten nordischen Standard und eine super Anbindung an die Fähren nach Finnland bietet. Ganz in der Nähe findest du auch das beliebte Hostel Fat Margaret’s, wo du ein Bett im Mehrbettzimmer schon ab 16 € bekommst – das wissen vor allem Solo-Reisende mit knapperem Budget zu schätzen.
Wenn du eine lokale Atmosphäre bevorzugst und unter Einheimischen wohnen willst, schau dich nach einer Unterkunft im Holzviertel Kalamaja um. Du findest hier jede Menge stilvolle Apartments über Airbnb, die in traditionellen bunten Häuschen mit zentralem Steintreppenhaus untergebracht sind. Zu den besten Cafés, dem Kreativzentrum Telliskivi und dem Markt Balti Jaama Turg hast du es nur ein kurzes Stück.

20 Tipps, was du in Tallinn sehen und erleben solltest
Tallinn bietet mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Hinter den Mauern verbergen sich schwimmende Saunen, Michelin-Restaurants und der beste Flohmarkt der Region. Hier sind zwanzig Tipps, die du auf keinen Fall verpassen solltest. Ich empfehle dir, die Stadt in einen historischen und einen modernen Teil aufzuteilen, um beide Gesichter aufzusaugen.

1. Rathausplatz (Raekoja plats) und das gotische Rathaus
Das Herz der gesamten Unterstadt ist zweifellos der weitläufige Rathausplatz, der jahrhundertelang als Hauptmarktplatz und Versammlungsort diente. Das Wahrzeichen des Platzes ist das majestätische gotische Rathaus, das übrigens das einzige erhaltene Bauwerk seiner Art in ganz Nordeuropa ist. Sein Bau wurde bereits 1404 fertiggestellt und es beeindruckt bis heute mit seiner nüchternen, aber unglaublich eindrucksvollen Architektur.
Wenn du den Blick zur Spitze des Rathausturms hebst, entdeckst du die berühmte Wetterfahne. Diese Figur heißt der Alte Thomas (Vana Toomas) und stellt eines der bekanntesten Symbole der Stadt dar. Der Legende nach war er ein einfacher Junge, der sich als Meister im Armbrustschießen hervortat, und weil er als Erwachsener die Stadt gewissenhaft bewachte, verdiente er sich seinen Ehrenplatz auf der Rathausspitze. Von dort bewacht er die Straßen Tallinns der Sage nach bis heute. In den Wintermonaten findet genau auf diesem Platz der berühmte Weihnachtsmarkt statt, und die Stadt rühmt sich damit, dass hier angeblich schon 1441 der erste öffentliche Weihnachtsbaum Europas stand.
💡 Tipp: Der Platz ist zu jeder Tageszeit schön, aber wenn du Fotos ohne Menschenmassen machen willst, komm gleich nach dem Frühstück vor neun Uhr morgens her. Direkt im Rathausgebäude findest du dann die beliebte mittelalterliche Schänke III Draakon, wo es kein Besteck gibt, bei Kerzenschein serviert wird und man dir für ein paar Euro heiße Suppe oder gefüllte Teigtaschen auftischt.

2. Raeapteek: Die älteste Apotheke Europas
Gleich in der Ecke des Rathausplatzes duckt sich ein unscheinbarer Eingang zu einem Betrieb, den du auf keinen Fall verpassen solltest. Raeapteek ist die älteste durchgehend betriebene Apotheke Europas, die an derselben Stelle bereits seit 1422 ihre Türen für Kunden öffnet. Wenn du hineingehst, umweht dich eine unglaubliche Atmosphäre mit Holzvertäfelung und bemalten Decken, sodass du dich wie im Zaubertrank-Klassenzimmer aus Harry Potter fühlst.
Im vorderen Teil kaufen sich Einheimische ganz normal Schmerztabletten oder Hustentropfen, aber der historische hintere Raum funktioniert als kostenloses Museum. Du kannst dir hier alte bemalte Dosen ansehen, in denen einst bizarre mittelalterliche Medikamente aufbewahrt wurden, etwa getrocknete Frösche, Fledermauspulver, Wolfsinnereien oder mumifizierte Hände. Die Apotheke ist außerdem berühmt für ihren traditionellen Gewürzwein namens Claret, der hier nach einem jahrhundertealten Rezept gemischt wird.
💡 Tipp: Einer alten Tallinner Legende zufolge wurde genau in dieser Apotheke zum ersten Mal süßes Marzipan hergestellt, das ursprünglich nicht als Süßigkeit diente, sondern als Luxusmedizin gegen gebrochene Herzen und Melancholie. Ein Stück dieses traditionellen Marzipans kannst du hier als schönes und dazu sehr leckeres Souvenir mit nach Hause nehmen.

3. Katharinengang (Katariina käik)
Nur ein kurzes Stück vom Hauptplatz entfernt liegt ein Ort, den Fotografen absolut lieben und der oft auf Postkarten auftaucht. Der Katharinengang ist eine enge, halb versteckte Gasse, die unauffällig die Straßen Vene und Müürivahe verbindet. Ihre Atmosphäre ist so vollkommen mittelalterlich, dass du beim Spazieren das Gefühl hast, um mehrere Hundert Jahre zurückgefallen zu sein.
Eine Seite der Gasse säumen die alten Steinmauern des ehemaligen Dominikanerklosters St. Katharinen, an denen massive mittelalterliche Grabsteine der damals bedeutenden Bürger ausgestellt sind. Die andere Seite bildet eine durchgehende Reihe kleiner Handwerksstuben und Künstlerateliers. Du kannst hier direkt durch die Schaufenster geschickte Glasbläser, Weber, Hutmacher oder Keramiker bei ihrer präzisen Arbeit beobachten.
💡 Tipp: Tagsüber ist die Gasse extrem verstopft von Reisegruppen mit Guides, sodass man oft kaum durchkommt. Das schönste Licht findest du hier wirklich früh morgens, wenn die Sonne gerade erst durch die alten Gewölbe lugt und das Pflaster noch leer ist. Gleich um die Ecke findest du dann einige tolle Cafés für den morgendlichen Espresso.

4. Olaikirche (Oleviste) und 232 Stufen
Diese imposante Kirche, benannt nach dem norwegischen König Olaf II., birgt eine riesige und ziemlich faszinierende historische Bestleistung. Um 1500 ragte ihr Turm auf unglaubliche 159 Meter empor, was sie laut vielen Historikern damals zum höchsten Bauwerk der ganzen Welt machte. Sie diente als perfekter Orientierungspunkt für Handelsschiffe, die in den Hansehafen einliefen.
Der hohe Turm funktionierte allerdings auch als sehr zuverlässiger Blitzableiter, sodass die Kirche im Lauf der Jahrhunderte gleich mehrmals nach einem Blitzeinschlag bis auf die Grundmauern abbrannte. Heute misst sie etwas bescheidenere 124 Meter, dominiert aber weiterhin unerschütterlich das gesamte Panorama und bietet einen der absolut besten Ausblicke auf die ganze Stadt. Sei aber darauf vorbereitet, dass der Aufstieg eine solide körperliche Herausforderung darstellt.
💡 Tipp: Zur Aussichtsplattform führt kein Aufzug und der Weg ist ziemlich abenteuerlich. Du musst 232 sehr steile und enge Steinstufen bezwingen, was in der Sommerhitze einem ordentlichen Cardio-Training gleichkommt. Der Blick auf das Meer roter Dächer und den dunklen Finnischen Meerbusen ist das durchgeschwitzte T-Shirt aber allemal wert.

5. Schloss Toompea und das Parlamentsgebäude
Die Altstadt teilt sich historisch in zwei getrennte Teile, die in der Vergangenheit oft Streitigkeiten austrugen und sich sogar mit einem Tor voneinander abschlossen. Während unten die reichen Kaufleute und Handwerker lebten, gehörte die Oberstadt auf dem Kalksteinhügel Toompea dem Adel, den Rittern und Herrschern. Genau hierher musst du dich für die berühmtesten Panoramablicke und die große estnische Geschichte begeben.
Auf dem Gipfel des Hügels steht das Schloss Toompea, das von einer Seite bis heute einen Teil seiner ursprünglichen rauen mittelalterlichen Mauern bewahrt hat. Seine Vorderfassade am Hauptplatz überrascht dich aber vielleicht, denn heute sieht es aus wie ein wunderschöner rosafarbener Barockpalast. Genau in diesem eleganten Gebäude residiert das heutige estnische Parlament (Riigikogu), über dem stolz die blau-schwarz-weiße Nationalflagge auf dem hohen Wehrturm namens Langer Hermann weht.
💡 Tipp: Nutze auf dem Weg nach oben die zwei historischen Gassen mit ihren großartigen Namen. Pikk jalg (Langer Bein) ist breiter und sanfter für Fuhrwerke, während Lühike jalg (Kurzes Bein) sehr steil, voller Stufen und geheimnisvoller Winkel ist. Eltern mit Kinderwagen sollten unbedingt das längere wählen, denn durch das Kurze Bein kommen sie schlicht nicht durch.

6. Alexander-Newski-Kathedrale
Wenn du aus den Gassen auf den Hauptplatz vor dem rosa Parlament trittst, springt dir sofort ein riesiges Bauwerk ins Auge, das auf den ersten Blick ein bisschen nicht hierher zu passen scheint. Die Alexander-Newski-Kathedrale ist eine massive orthodoxe Kirche mit typischen Zwiebeltürmen und reich verzierten Außenmosaiken, die perfekt mit der umliegenden nüchternen nordischen Architektur kontrastiert.
Dieses großartige Bauwerk entstand ganz am Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen der harten Russifizierung, als Estland Teil des Russischen Reiches war. Ihre Platzierung direkt gegenüber den estnischen Regierungsgebäuden war keineswegs zufällig, sondern sollte klar die zaristische Dominanz demonstrieren. Viele Esten hatten sie deshalb anfangs nicht besonders gern und in den zwanziger Jahren wurde nach der Unabhängigkeit sogar ernsthaft über ihren Abriss nachgedacht, wozu es glücklicherweise nicht kam.
💡 Tipp: Der Eintritt in die Kathedrale ist für alle Besucher kostenlos, aber denk an angemessene und respektvolle Kleidung (bedeckte Schultern und Knie). Drinnen beeindrucken dich wunderschöne Ikonen und mit etwas Glück hörst du ihre massiven Glocken läuten, von denen die größte stattliche 15 Tonnen wiegt.

7. Aussichtspunkt Kohtuotsa (Schriftzug The Times We Had)
Wenn du jemals ein Foto von Tallinn auf Instagram gesehen hast, stammte es höchstwahrscheinlich genau von hier. Die Aussichtsplattform Kohtuotsa ist der ungekrönte König aller Fotospots in Estland. Sie befindet sich am östlichen Rand des Dombergs Toompea und öffnet einen absolut atemberaubenden, weiten Blick, den du lieben wirst.
Du siehst von hier die ikonischen roten Dächer der Unterstadt, den majestätischen Turm der Olaikirche und die modernen verglasten Wolkenkratzer, die in der Ferne emporwachsen. Die Mauern dieses Aussichtspunkts zieren zudem den berühmten Schriftzug „The Times We Had“, der zum inoffiziellen Motto aller Reisenden wurde, die die baltische Metropole entdecken, und dem Ort einen besonderen nostalgischen Hauch verleiht.
💡 Tipp: Tagsüber steht man hier Kopf an Kopf und für ein Foto mit dem beliebten Schriftzug bildet sich oft eine lange Schlange, die die Guides der Kreuzfahrtschiffe organisieren. Steh früh auf und komm idealerweise vor acht Uhr morgens her, damit du die erwachende Stadt ungestört genießen und die besten Aufnahmen ohne fremde Ellbogen im Bild machen kannst.

8. Aussichtspunkt Patkuli und der Blick auf die Stadtmauern
Nur wenige Gehminuten von Kohtuotsa entfernt liegt ein zweiter, nicht minder beeindruckender Aussichtspunkt, den auszulassen ein Fehler wäre. Patkuli bietet eine etwas andere Perspektive, denn er richtet sich nicht primär auf das moderne Zentrum, sondern blickt mehr nach Norden Richtung Meer und zum großen Hafen. Genau von hier verstehst du am besten, warum Tallinn oft die Stadt der Türme genannt wird.
Von dieser geräumigen Terrasse hast du den perfekt erhaltenen Gürtel der mittelalterlichen Stadtmauern wie auf dem Präsentierteller, aus denen majestätisch die Wehrtürmchen mit ihren typischen roten Dächern herausragen. In der Ferne glitzert dann die tiefblaue Fläche des Finnischen Meerbusens und bei guter Sicht erblickst du sogar die einlaufenden Fähren, die zwischen Estland und den Ufern von Helsinki pendeln.
💡 Tipp: Vom Aussichtspunkt führt eine lange, aber sehr fotogene Steintreppe (Patkuli trepp) direkt hinunter zum Park unterhalb der Mauern. Das ist eine tolle und schnelle Abkürzung, um aus der Oberstadt zurück in die tieferen Lagen beim Bahnhof zu kommen – pass nur nach Regen auf die rutschigen Stufen auf.

9. Stadtmauern und der Turm Kiek in de Kök
Tallinn rühmt sich einer der besterhaltenen mittelalterlichen Befestigungen in ganz Europa, und anders als in den meisten Städten ist das hier keine tote Kulisse für Fotos. Von den ursprünglich 46 Türmen stehen bis heute mehr als zwanzig und fast alle lassen sich irgendwie von innen erkunden. Der fast zwei Kilometer lange Gürtel mächtiger Steinmauern verleiht der Stadt ihren unverwechselbaren märchenhaften Charakter.
Der absolut berühmteste Turm ist der massive Kiek in de Kök, was aus dem Niederdeutschen witzig übersetzt „Guck in die Küche“ bedeutet. Der Turm war einst so riesig und hoch, dass die Wachen von ihm aus angeblich durch die breiten Schornsteine direkt in die Küchen der damaligen Bürger in der Unterstadt sehen konnten. Heute dient dieser robuste Artillerieturm als hervorragendes Museum der Stadtbefestigung, in dem du jede Menge Interessantes erfährst. Der reguläre Eintritt liegt bei etwa 12 €.
💡 Tipp: Wenn du das Geheimnisvolle magst, reservier dir eine Führung durch die sogenannten Bastionsgänge, die sich tief unter dem Turm verbergen. Diese geheimen unterirdischen Gänge dienten vom 17. Jahrhundert bis in die Zeit des Kalten Krieges für Truppenverlegungen und als Atomschutzbunker, was sie zu einem faszinierenden Einblick in die moderne Geschichte macht.

10. Dicke Margarete und die Kaufmannshäuser (Three Sisters)
Am entgegengesetzten, nördlichen Ende der Altstadt bewacht ein weiteres ikonisches Bauwerk den einstigen Haupteingang vom Meer, das du nicht übersiehst. Der Artillerieturm Paks Margareeta (Dicke Margarete) bekam seinen wenig schmeichelhaften Namen wegen seiner unglaublichen und leicht komischen Ausmaße. Seine Mauern sind stellenweise bis zu fünf Meter dick, um einst direktem Beschuss von feindlichen Schiffen standzuhalten. Heute ist der Turm Teil eines großartig gestalteten Schifffahrtsmuseums mit einem Schiffsmodell aus dem 16. Jahrhundert.
Achte beim Spaziergang von der Dicken Margarete Richtung Zentrum entlang der Straße Pikk unbedingt auf die schönen Fassaden. Tallinn war ein bedeutendes Mitglied der Hanse (des mittelalterlichen Handelsbundes) und der enorme Reichtum der einheimischen Kaufleute ist bis heute auf Schritt und Tritt zu sehen. Halte bei den sogenannten Drei Schwestern (Three Sisters) an, einem Trio wunderschön erhaltener, aneinandergeschmiegter Kaufmannshäuser aus dem 15. Jahrhundert.
💡 Tipp: An den Fassaden vieler alter Kaufmannshäuser in dieser Straße siehst du unter dem Dach erhaltene Holzbalken mit einer massiven Winde. Diese dienten dazu, schwere Säcke mit Salz und Getreide direkt von der Straße in die Dachbodenlager hochzuziehen, denn unten hätte das Wasser die Ware verderben können.

11. Markthalle Balti Jaama Turg
Wenn du die Mauern der Altstadt hinter dir lässt und durch die Unterführung beim Hauptbahnhof gehst, findest du dich in einer völlig anderen Welt voller lokalen Lebens wieder. Balti Jaama Turg ist eine fantastisch renovierte dreistöckige Markthalle, die als echtes pulsierendes Herz des modernen Tallinn funktioniert, wo elegante Hipster auf sowjetische Babuschkas treffen.
Im Erdgeschoss empfängt dich eine riesige Food Hall mit mehr als dreihundert Ständen, wo sich Düfte aus aller Welt mischen. Die Einheimischen kommen hier für ein schnelles Mittagessen her und du kannst hervorragende vegane Burger, hausgemachten Käse und traditionelles estnisches Schwarzbrot (must leib) probieren. Das erste Stockwerk gehört dann den lokalen Bauern, wo du die frischesten Waldbeeren, Honig und Wurzelgemüse bekommst. Ein Besuch der Markthalle ist die ideale Wahl für ein günstiges und vielfältiges Mittagessen mit Preisen um die 7 bis 10 €.
💡 Tipp: Das Interessanteste und Bizarrste verbirgt sich aber im Untergeschoss der Markthalle. Das ganze Untergeschoss funktioniert als riesiger Flohmarkt und Trödelladen, wo die Regale nur so überquellen von alten sowjetischen Anstecknadeln, Vinylplatten, Porzellanhirschen und getragener Kleidung. Es ist ein unglaublicher Einblick in eine Vergangenheit, die das moderne Estland eher zu vergessen versucht.

12. Telliskivi Creative City und Fotografiska
Gleich hinter der Markthalle gehst du fließend in eine Gegend über, die in den letzten Jahren eine riesige Transformation erlebt hat und heute den lebendigsten Teil der Stadt bildet. Telliskivi ist ein ehemaliges Industrie- und Bahngelände, das sich in das größte Kreativviertel des gesamten Baltikums verwandelt hat. Die alten Ziegelwände zieren hier riesige legale Wandmalereien und in den ehemaligen Fabrikhallen residieren heute Designer-Boutiquen, Ateliers und stylische Cafés voller digitaler Nomaden.
Der absolute kulturelle Magnet dieses Viertels ist Fotografiska, ein Ableger der berühmten Stockholmer Galerie. Es gibt hier keine Dauerausstellungen, aber die Ausstellungen erstklassiger Weltfotografie wechseln sehr dynamisch. Es ist ein Ort, an den junge Esten zum Date und für die Kunst kommen und den monatlich Tausende Finnen aufsuchen, die übers Wochenende anreisen.
💡 Tipp: Fotografiska hat für Reisende einen riesigen und praktischen Pluspunkt: Es schließt nämlich erst um 23:00 Uhr. Während klassische Museen um fünf Uhr nachmittags die Türen abschließen, kannst du hierher bequem erst nach einem guten Abendessen kommen. Im obersten Stockwerk des Gebäudes gibt es zudem ein tolles Restaurant mit Zero-Waste-Konzept und Panoramablick über die Stadt.

13. Holzmärchen im Viertel Kalamaja
Vom industriellen Telliskivi musst du dich nur ein paar Straßen weiter näher zum Meer bewegen und schon findest du dich in einer völlig anderen, viel ruhigeren Kulisse wieder. Kalamaja (was übersetzt Fischhaus bedeutet) war historisch ein Viertel armer Fischer und Arbeiter aus den nahen Häfen. Heute gilt es als die konkurrenzlos begehrteste Wohnadresse der Stadt, die aber glücklicherweise ihren einzigartigen architektonischen Charakter sorgfältig bewahrt hat.
Der Hauptanziehungspunkt sind hier die sogenannten Tallinner Häuser aus dem frühen 20. Jahrhundert. Es handelt sich um sehr spezifische zweistöckige Holzbauten mit zentralem Steintreppenhaus, das damals wegen des strengen Brandschutzes errichtet wurde. Diese Häuschen leuchten in allen möglichen Pastellfarben, von Minzgrün über Ocker bis zu gedämpftem Rosa, was einen tollen Kontrast zum grauen nordischen Himmel bildet.
💡 Tipp: Nach Kalamaja geht man nicht, um Sehenswürdigkeiten nach dem Reiseführer abzuhaken, hier flaniert man einfach mit einem guten Kaffee in der Hand. Verlier dich in den ruhigen Straßen wie Valgevase oder Salme, halt in der lokalen Bäckerei für eine hervorragende Zimtschnecke an und genieß die unglaubliche Ruhe nur ein kurzes Stück vom belebten Zentrum, wo du vor allem Einheimische auf dem Rad triffst.
(Anmerkung zur Geschichte: An der Küste von Kalamaja steht die massive Festung Patarei. Auswärtige Reiseführer erwähnen sie oft als düsteres KGB-Museum und schauriges Gefängnis, aber ⚠️ beachte, dass das Gelände aktuell wegen einer riesigen Renovierung komplett geschlossen ist. Die vollständige Eröffnung des großartigen Internationalen Museums der Opfer des Kommunismus ist erst für 2027 geplant. Aber auch von außen lässt der Anblick der roten Ziegel und des Stacheldrahts am Meer einem das Blut in den Adern gefrieren.)

14. Schifffahrtsmuseum Lennusadam (Seaplane Harbour)
Wenn du durch Kalamaja bis ans Meer gehst, stößt du auf das wahrscheinlich beste Museumserlebnis in ganz Estland, das Erwachsene wie Kinder begeistert. Lennusadam residiert in einzigartigen Beton-Hangars für Wasserflugzeuge aus dem Jahr 1917, die schon für sich genommen ein faszinierendes technisches Unikat darstellen. In der riesigen Halle herrscht Dämmerlicht, das nur von blauen Strahlern durchschnitten wird, sodass du dich schlagartig wie tief unter der Oberfläche der Ostsee fühlst.
Durch die Luft „fliegen“ hier über den Köpfen der Besucher Repliken historischer Flugzeuge, aber der eigentliche Höhepunkt der Ausstellung ist das echte estnische U-Boot Lembit aus dem Jahr 1936. Du kannst bedenkenlos hineinklettern und am eigenen Leib das beengte Innere und die Kajüten erkunden. Das Museum ist extrem interaktiv, du kannst hier im Simulator das Schießen mit einer Flugabwehrkanone ausprobieren oder eine Flugzeuglandung versuchen. Der Eintritt für Erwachsene kostet 22 €, das Familienticket kostet 40 € und Kinder bis acht Jahre haben komplett freien Eintritt.
💡 Tipp: Plan für den Besuch mindestens drei Stunden reine Zeit ein. Teil der umfangreichen Besichtigung ist nämlich auch die Außenausstellung am Kai, wo der riesige historische Eisbrecher Suur Tõll vor Anker liegt, den du in aller Ruhe von der Kommandobrücke bis tief hinunter in den riesigen Maschinenraum durchgehen kannst.

15. Viertel Noblessner und Iglupark
Die Route durch den Norden Tallinns gipfelt ein Stück weiter entlang der Küste im luxuriösen Viertel Noblessner, das eine absolute Perle des neuen Urbanismus ist. Anfang des 20. Jahrhunderts funktionierte hier eine streng geheime zaristische Werft für den Bau von U-Booten, heute ist es ein Musterbeispiel dafür, wie sich eine alte Industriezone in Premium-Wohnraum verwandelt. Aus verfallenden Industriehallen entstand das teuerste Viertel der Stadt, voller breiter Promenaden, Bistros und toller Unterhaltung für Familien wie Paare.
Genau hier an der Uferpromenade findest du den ikonischen Iglupark, eine Reihe von Design-Holzsaunen in Form von Iglus. Für etwa 24 € kannst du hier einen Platz in der öffentlichen Sauna reservieren, mit fantastischem Blick auf die Wellen schwitzen und dann über eine Leiter direkt in die kalte Ostsee springen. Das ist ein absolut garantiertes Rezept, wie du sofort wieder zum Leben erwachst und echte nordische Kultur erlebst. Für Familien gibt es hier zudem die großartige interaktive Erfindungsfabrik PROTO, die für die ganze Familie etwa 35 bis 40 € kostet.
💡 Tipp: Noblessner funktioniert als kulinarisches Paradies, in das Feinschmecker von weit her strömen. Hier residiert das berühmte Restaurant 180° by Matthias Diether, das gleich mit zwei Michelin-Sternen glänzt. Wenn du etwas deutlich Entspannteres und Günstigeres suchst, geh in den nahen Põhjala Tap Room, wo man erstklassiges Craft-Bier braut (ein Pint kostet 4 bis 7 €) und dazu tolle Köstlichkeiten vom Grill zaubert.

16. KGB-Museum im Hotel Viru
Wenn du tiefer verstehen willst, wie genau die Paranoia des sowjetischen Regimes in der Praxis funktionierte, musst du nur zum Viru-Platz gehen, gleich an der Grenze der Altstadt. Als man hier 1972 das ikonische Hotel Viru baute, wurde es zum ersten Hochhaus der Stadt und beherbergte primär ausländische Gäste. Offiziell hieß es, das Hotel habe 22 Stockwerke, und der Aufzug fuhr tatsächlich nicht höher.
In Wirklichkeit befand sich aber im 23. Stockwerk eine streng geheime Abhörzentrale des KGB. Die Agenten überwachten von hier systematisch die Zimmer, hörten Telefone ab und verfolgten jeden Schritt der Ausländer (besonders der benachbarten Finnen, die am häufigsten herkamen). Heute befindet sich in diesem Stockwerk ein faszinierendes und beklemmendes Museum, das genau so blieb, wie es die Agenten Anfang der neunziger Jahre hastig verlassen haben, samt Aschenbechern mit Zigarettenstummeln und in Tellern versteckten Mikrofonen.
💡 Tipp: Das Museum besuchen jährlich über dreißigtausend Menschen und eine Besichtigung ist ausschließlich mit einem offiziellen Guide möglich. Da die Gruppenkapazität sehr begrenzt ist, reservier dir die Eintrittskarten (die etwa 11 bis 12 € kosten) mehrere Tage im Voraus über die offizielle Website des Hotels, sonst kommst du schlicht nicht hoch ins geheime Stockwerk.

17. Schloss Kadriorg und das Museum KUMU
Wenn du im Zentrum in die Straßenbahn steigst und dich ein Stück nach Osten aufmachst, findest du dich im weitläufigen grünen Park Kadriorg wieder, der eine willkommene Flucht vor dem Trubel der Metropole bietet. Das Herz dieses riesigen Parks ist ein wunderschönes Barockschloss, das der russische Zar Peter der Große für seine Frau Katharina erbauen ließ (daher stammt auch der Name des Parks). Die Umgebung des Schlosses zieren sorgfältig gepflegte französische Gärten, Springbrunnen und breite Promenaden.
Das eigentliche kulturelle Juwel für Liebhaber moderner Architektur verbirgt sich aber ein Stück oberhalb des Schlosses, direkt in den Kalksteinfelsen geschnitten. Das Gebäude KUMU (Kunstihoone) ist das größte und modernste Kunstmuseum im gesamten Baltikum. Der architektonisch beeindruckende Bau aus Kupfer, Glas und Kalkstein birgt alles von der klassischen estnischen Kunst bis zur rauen sowjetischen Popkultur und sehr aktuellen Installationen. Der Eintritt bewegt sich hier zwischen 15 und 22 €.
💡 Tipp: Auch wenn du kein ausgesprochener Fan von Bildergalerien und klassischer Kunst bist, lohnt es sich, das Gebäude KUMU zumindest von außen anzusehen und über seinen futuristischen verglasten Innenhof zu spazieren. Es ist ein absolut faszinierender visueller Kontrast zum rosa Barockschloss, das nur ein paar Hundert Meter tiefer im Park liegt.

18. Strand Pirita und die Ruinen des Birgittenklosters
Hinter Kadriorg setzt sich die Küste weiter nach Nordosten in das beliebte Wohnviertel Pirita fort, wohin die Einheimischen gern am Wochenende flüchten. Wenn du dich vom Stadttrubel erholen und ein bisschen Natur genießen willst, findest du hier einen zwei Kilometer langen Sandstrand, gesäumt von tiefen Kiefernwäldern. Im Sommer sonnen sich hier die Esten begeistert und die Abgehärteteren baden sogar in den erfrischenden Wellen der Ostsee, auch wenn das Wasser selbst im Juli kalt bleibt.
Unweit des beliebten Strandes ragen die höchst fotogenen Ruinen des Birgittenklosters aus dem 15. Jahrhundert empor. Während des verheerenden Livländischen Krieges wurde das Kloster zwar zerstört, aber sein massiver Steingiebel und die Umfassungsmauern blieben bis heute majestätisch stehen. Der Ort hat eine unglaublich starke und ruhige Atmosphäre, zudem finden hier im Sommer oft verschiedene Open-Air-Konzerte und Kulturveranstaltungen statt.
💡 Tipp: Vom Zentrum kommst du nach Pirita sehr bequem mit einem geteilten E-Scooter von Bolt, für dessen Entsperren du 0,50 € zahlst, und eine Fahrminute kostet etwa 15 Cent. Entlang der Küste führt nämlich ein breiter und sicherer Radweg (Pirita-Promenade), von dem sich die absolut schönsten Ausblicke zurück auf das Panorama von ganz Tallinn öffnen.

19. Fernsehturm und die Sängerbühne (Lauluväljak)
Auf dem Weg Richtung Pirita übersiehst du sicher nicht das riesige Beton-Amphitheater, das sich in einem sanften Hang erstreckt. Die Tallinner Sängerbühne (Lauluväljak) ist für die Esten ein absolut heiliger Ort. Genau hier entstand Ende der 80er Jahre die sogenannte Singende Revolution, als sich Hunderttausende Menschen an den Händen fassten und sich mit dem Gesang verbotener Nationallieder gewaltlos die Unabhängigkeit von der Sowjetunion erkämpften. Heute finden hier die größten Musikfestivals des Landes statt.
Wenn du dich nach einer beeindruckenden Vogelperspektive sehnst, geh noch ein Stück weiter zum Fernsehturm (Teletorn). Mit einer Gesamthöhe von 314 Metern ist es das höchste Bauwerk im ganzen Land. Seine Aussichtsplattform in einer Höhe von 170 Metern bietet einen Panoramablick über Dutzende Kilometer und im Boden sind Glasfenster eingebaut für alle, die nicht unter Höhenangst leiden.
💡 Tipp: Für Liebhaber des großen Adrenalins bietet der Fernsehturm eine spezielle Außenattraktion namens Edge Walk. In einem festen Sicherheitsgurt kannst du am äußersten Rand der Aussichtsplattform an der frischen Luft entlanggehen, und zwar ganz ohne jegliches Geländer.

20. Wo essen: Von päevapraad bis Michelin

Tallinn erlebt in den letzten Jahren einen unglaublichen gastronomischen Boom, auch wenn die Preise in den Restaurants wegen der kürzlichen Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 24 % ordentlich gestiegen sind. Estland rühmt sich heute gleich 43 Betrieben im Michelin-Guide. Die absolute Spitze bildet das Restaurant 180° by Matthias Diether, das zwei Sterne hat und wo ein Degustationsmenü 325 € kostet, sowie das beliebte NOA Chef’s Hall mit wunderschönem Blick auf die Bucht. Ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis nordischer Qualität findest du dann in den Betrieben mit der Auszeichnung Bib Gourmand, wie Lore Bistroo oder Mantel ja Korsten.
Wenn du aber wie ein Einheimischer essen und dein Reisebudget nicht ruinieren willst, lern gleich am ersten Tag das zauberhafte estnische Wort: päevapraad. Das bedeutet Tagesmittagsmenü, also ein Mittagsgericht. Die meisten Bistros und kleineren Cafés abseits der Haupttouristenrouten bieten werktags zwischen 11:00 und 14:00 Uhr eine Suppe und ein Hauptgericht für sehr angenehme 5 bis 8 €. Für günstiges Streetfood zieh dann unbedingt in die Markthalle Balti Jaama Turg, wo du hervorragende vegane Burger oder asiatische Teigtaschen für unter zehn Euro bekommst.
💡 Tipp: Vergiss auf keinen Fall, das traditionelle estnische Schwarzbrot (must leib) zu probieren, das man dir in Restaurants fast überall mit einer ordentlichen Schicht Butter bringt und das absolut fantastisch schmeckt. Von den lokalen Zutaten empfehle ich, auch kama zu probieren (eine geröstete Getreidemischung, die in Joghurts oder Desserts kommt), und von den Getränken darf der legendäre Kräuterlikör Vana Tallinn oder das erfrischende alkoholfreie Kwas kali nicht fehlen. Ein Pint Craft-Bier kostet dich dann im Schnitt 4 bis 7 €, und zu den besten gehört die Produktion aus der Brauerei Põhjala. Die Einheimischen genießen außerdem gern Elchsuppe oder marinierte Sprotten, die die Grundlage klassischer Festtafeln bilden.
Wohin weiter von Tallinn
Wenn du planst, das ganze Land zu durchqueren, schau in unseren großen Reiseführer Estland: 25 Tipps, was du sehen und erleben solltest, wo du Inseln, Sümpfe und Kurbäder findest. Praktische Details zu Tallinn selbst besprechen wir dann in den Artikeln Wo wohnen in Tallinn und Wo essen in Tallinn.
Wenn du für Estland mehr Tage eingeplant hast, wäre es ein Fehler, nur im Schatten der Mauern zu bleiben. Tallinn funktioniert als perfektes Sprungbrett für Ausflüge in die Natur und in die Nachbarstaaten.
Nur eine Stunde Autofahrt nach Osten erstreckt sich der Nationalpark Lahemaa. Er ist das absolute Schaufenster der nordischen Natur, wo du dich stundenlang auf den hölzernen Bohlenwegen über endlose Torfmoore treiben lassen kannst. Am berühmtesten und am besten zugänglich ist der Moorpfad Viru raba, wo du auch einen hölzernen Aussichtsturm findest und mit etwas Mut sogar in den dunklen kleinen Seen baden kannst.
Ein weiterer logischer Schritt ist die Verbindung zweier Metropolen. Die Fähren nach Helsinki pendeln mehrmals täglich und die Überfahrt dauert nur etwa zwei Stunden. Es ist eine ideale und preislich erschwingliche Möglichkeit, während eines Urlaubs ein weiteres nordisches Land abzuhaken. Lies Helsinki: 15 Tipps, was du in der finnischen Metropole sehen und erleben solltest, damit du weißt, wohin du gleich nach dem Anlegen steuerst.
Wenn du einen größeren Roadtrip durchs Baltikum planst und mehr von der lokalen Geschichte und Gegenwart aufsaugen willst, lass dich unbedingt von unserem Artikel 10 Wissenswertes und praktische Dinge über Riga inspirieren. Und wenn du in den Wintermonaten aufbrichst und hoffst, am dunklen estnischen Himmel das grüne Schauspiel zu erblicken, studier unseren Reiseführer Polarlicht: wo und wann du es siehst.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Tage sollte man für Tallinn einplanen?
Für eine schnelle Erkundung der Altstadt und der wichtigsten Sehenswürdigkeiten reicht ein voller Tag. Wenn ihr aber die Atmosphäre ohne Stress aufsaugen, kreative Viertel wie Telliskivi erkunden, ans Meer fahren und in lokalen Cafés entspannen möchtet, empfehle ich idealerweise 2 bis 3 Nächte. So habt ihr Zeit, die Stadt auch frühmorgens und spätabends zu genießen.
Ist Tallinn teuer?
Ehrlich gesagt? Ja. Estland ist schon lange keine günstige Alternative mehr, und nach dem jüngsten Anstieg der Mehrwertsteuer auf 24 % nähern sich die Preise in Restaurants eher denen in Berlin oder München. Für ein normales Mittagessen zahlt ihr etwa 15 bis 20 Euro und ein Craft-Bier kostet durchschnittlich 4 bis 7 Euro. Sparen lässt sich durch die Nutzung von Mittagsmenüs (päevapraad für 5 bis 8 Euro) und Einkäufe auf den großartigen lokalen Märkten.
Ist Tallinn sicher und wie sieht es mit der Nähe zu Russland aus?
Estland ist eines der sichersten Länder Europas und die Kriminalität ist hier minimal (achtet nur auf Taschendiebe in den Sommermengen). Bedenken wegen der Nähe zu Russland sind aus Sicht eines normalen Reisenden unbegründet, das Land fällt in die sicherste Kategorie Level 1. Estland ist fester Bestandteil der NATO, der Luftraum wird von alliierten Kampfjets überwacht und das Leben in der Stadt pulsiert völlig normal.
Lohnt sich die Tallinn Card?
Das hängt von eurem Tempo ab. Die Karte für 24 Stunden kostet 29 Euro (48h für 41 Euro, 72h für 51 Euro) und umfasst unbegrenzte öffentliche Verkehrsmittel sowie Eintritte in über 40 Museen. Da der normale Eintritt in große Museen (KUMU, Lennusadam) etwa 15 bis 22 Euro kostet, lohnt sich die Karte reichlich schon bei zwei Attraktionen pro Tag und amortisiert sich sehr schnell.
Wie kommt man vom Flughafen ins Zentrum?
Der Flughafen Tallinn (Lennart Meri) liegt unglaublich nah, nur 4 Kilometer vom Zentrum entfernt. Am einfachsten ist die Nutzung der App Bolt, die übrigens eine lokale Erfindung ist. Die Fahrt in die Altstadt dauert 15 Minuten und kostet etwa 5 bis 12 Euro je nach Nachfrage. Alternativ verkehrt der Bus Nummer 2 oder die Straßenbahn, bei der ihr aber überprüfen solltet, ob gerade keine Gleisarbeiten stattfinden.
Kann man einen Tagesausflug nach Helsinki machen?
Absolut problemlos. Schnellfähren (Tallink, Viking Line, Eckerö Line) schaffen die Route über den Finnischen Meerbusen in etwa zwei Stunden und ein Fußgänger-Ticket bekommt ihr im Angebot schon ab 10 Euro. Wenn ihr mit einer Verbindung gegen acht Uhr morgens fahrt und abends zurückkehrt, bleiben euch für die Erkundung der Helsinkier Innenstadt großartige 6 bis 8 Stunden reine Zeit.
Wann ist die beste Reisezeit?
Wenn ihr lange Tage und Wärme wollt, fliegt im Sommer, aber rechnet mit Massen von Kreuzfahrtschiffen. Der ideale Kompromiss ist September, wenn die Touristen weniger werden, die Mücken in den Wäldern verschwinden und die Preise leicht sinken. Für Winter- und Weihnachtsmarkt-Liebhaber ist Dezember großartig, während der November sehr dunkel und regnerisch ist und viele Dienste außerhalb der Hauptstadt geschlossen haben.
Was sollte ich Traditionelles in Estland probieren?
Die Grundlage von allem ist hervorragendes dunkles Sauerteigbrot (must leib). Probiert auch kama (Mischung aus gerösteten Getreidesorten in Joghurt oder Dessert) oder Quarkstangen in Schokolade namens kohuke. Lokale Spezialitäten sind marinierte Ostsee-Sprotten (kilu) auf Brot mit Ei, deftige Elchsuppe und geräuchertes Fleisch. Zum Aufwärmen vergesst nicht den Kräuterlikör Vana Tallinn.
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