In letzter Zeit häufen sich in den sozialen Medien Aussagen, dass Reisen mehr bringt als jede Schule. Prominente erklären in Interviews ungeniert, dass die Schule sie gelangweilt hat und zu nichts nütze war. Kein Wunder, dass manch junger Mensch dabei auf die Idee kommt, das Studium sausen zu lassen, den Rucksack zu schnappen und zehn Jahre durch die Welt zu wandern. Beim Thema Studium oder Reisen möchte ich klarstellen: Reisen lehrt dich wirklich viel – mehr Toleranz gegenüber anderen Kulturen, mehr Selbstständigkeit, Resilienz und Anpassungsfähigkeit – aber es gibt Dinge, die es einfach nicht ersetzen kann.
Bevor ich erkläre, warum ich das Reisen nie dem Studium vorziehen würde, möchte ich eines klarstellen: Ich halte ein Universitätsstudium keineswegs für zwingend notwendig. Ich finde es großartig, wenn jemand entscheidet, ein handwerklicher Maurer, eine Floristin oder ein Friseur zu werden. Dieser Artikel handelt nur von mir persönlich – davon, warum ich persönlich immer das Studium dem Reisen vorziehen würde.

1) Es gibt Dinge, die man ohne Studium nicht lernt
Unsere Generation will alles sofort. Aber vieles geht eben nicht sofort. Arzt oder Anwalt wird man nicht über Nacht – und schon gar nicht durch Selbststudium. Doch es geht nicht nur um diese Berufe. Im Studium lernst du Dinge in einer Tiefe, die du dir auf eigene Faust nie erarbeiten würdest. Vielleicht interessieren sie dich nicht einmal. Wahrscheinlich wirst du sie nie direkt brauchen. Aber was dir das Studium mitgibt, ist die Erkenntnis, dass nichts schwarz-weiß ist und jedes Problem mehrere Ebenen hat, die es zu untersuchen gilt. Du lernst, kritisch an Fragestellungen heranzugehen – und erkennst, dass zwar jeder in der Runde eine Meinung hat, aber kaum jemand wirklich in die Tiefe gegangen ist.
2) Die Welt aus einer breiteren Perspektive sehen
Unser Alltag ist schnell geworden. Die meisten von uns sind schon froh, wenn sie den täglichen Spagat zwischen Job und Familie irgendwie hinbekommen – tiefgründige Diskussionen sucht kaum jemand aktiv. Zu diskutieren, die eigenen Ansichten hinterfragen zu lassen und die Welt durch die Augen von Menschen zu sehen, die nicht in meiner Blase leben – das war einer der faszinierendsten Aspekte meines Studiums. Natürlich gibt es Studiengänge, in denen Diskussionen zu kurz kommen – aber das ist ein anderes Thema. Während des Studiums hast du außerdem die einmalige Gelegenheit, Podiumsdiskussionen und Gastvorlesungen zu besuchen. Klar, das ist auch danach möglich – aber mal ehrlich: Wer von uns findet dafür im Alltagstrubel wirklich noch Zeit?

3) Erfahrungen, die man sonst nie machen würde
Ich habe kein Chemie- oder Nanotechnologie-Studium absolviert – dort wäre dieser Punkt noch viel eindrucksvoller. Ich habe Journalismus studiert (und es geliebt!).
In den ersten Jahren meines Bachelorstudiums verbrachte ich stundenlang in der Dunkelkammer, entwickelte Filme und vergrößerte Abzüge. Ein größeres Abenteuer, das sich in einem einzigen kleinen Raum abspielt, habe ich nie erlebt.

4) Netzwerke und Kontakte
Im Journalismus-Studium war ich umgeben von Menschen, die in dieselbe oder eine sehr ähnliche Richtung strebten. Allein dieses Umfeld war unglaublich bereichernd. Manche meiner Kommilitonen – die erfolgreicheren unter ihnen – arbeiten heute beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und wenn ich Radio höre oder die Nachrichten einschalte, dauert es meist nicht lange, bis ich eine vertraute Stimme erkenne.
Im Studium hatte ich die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, zu denen ich schon seit der Schulzeit aufgeschaut hatte – manche lehrten mich sogar oder hielten zumindest einzelne Seminare ab. Ich versuchte, das Studium in vollen Zügen zu nutzen: In den ersten Jahren, bevor ich anfing zu arbeiten, absolvierte ich Praktika, Kurse, Workshops und Vorlesungen. Diese ersten Jahre an der Uni waren die schönsten. Durch all diese Aktivitäten habe ich nicht nur herausgefunden, was mich begeistert, sondern auch, was ich im Leben nie tun möchte.
5) Die Begegnung mit Institutionen und Systemen
Dieser Punkt klingt vielleicht etwas ironisch, ist aber absolut wahr. Im Studium erlebst du so manche unangenehme Begegnung mit dem System. Im besten Fall ist es nur der Kontakt mit bürokratischen Anforderungen oder einer hakelnden Prüfungsanmeldeplattform. In Deutschland und Europa lebt man nun mal in einem Verwaltungssystem – und die Uni ist eigentlich eine perfekte Vorbereitung auf den jährlichen Kampf mit der Steuererklärung, die Abwicklung von Versicherungsangelegenheiten oder die Beantragung eines Kredits. Und trotzdem: Man erinnert sich nie, was man elektronisch einreichen kann und wo man noch einen Stapel Papier ausdrucken und persönlich abgeben muss. Denn das System ändert sich ständig. Und das hält unseren Adrenalinspiegel verlässlich oben. 🙂

Als ich mein Masterzeugnis in den Händen hielt, war ich ein bisschen wehmütig. Die Studienjahre hätte ich gegen nichts auf der Welt getauscht. Ich gehöre zu den Menschen, die keine einzige Stunde verpassen wollten – auf die meisten Vorlesungen habe ich mich ehrlich gefreut. Klar, manchmal habe ich etwas schleifen lassen oder eine Veranstaltung geschwänzt. Aber mein Studium war wunderschön, auf seine eigene Art aufregend und magisch – und ich bereue es nicht einen Moment, dass ich stattdessen nicht gereist bin. Dafür habe ich schließlich noch das ganze Leben vor mir.
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