Tanzendes Haus und modernes Prag: Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts

Als ich während meines Fotojournalismus-Kurses an der Karls-Universität den Auftrag bekam, die Kontraste der Prager Straßen einzufangen, wusste ich sofort: Die Prag Architektur hat weit mehr zu bieten als glänzende Bürotürme – und deshalb führte mein erster Weg nicht zum Altstädter Ring.

Mit einer schweren Spiegelreflexkamera um den Hals stand ich auf dem Jiráskovo-Platz, beobachtete die Morgensonne, die sich in den Glasflächen spiegelte, und wartete darauf, dass die Straßenbahn Nummer 17 an dem Gebäude vorbeifuhr, das die Stadt in den Neunzigern in zwei unversöhnliche Lager gespalten hatte. Das Tanzende Haus war für mich damals das perfekte Symbol dafür, dass Prag kein erstarrtes Freilichtmuseum voller Barockengel und gotischer Türme ist, sondern ein lebendiger Organismus, der atmet, wächst und gelegentlich provoziert.

Prag kannte ich durch jahrelangen Schulunterricht aus der Perspektive historischer Lehrbücher. Unsere Lehrer schleppten uns durch Paläste und Kirchen, sodass ich schon in der Pubertät eine Beziehung zu Renaissance-Sgraffiti entwickelte. Die wirkliche Faszination für die Stadt kam aber erst, als ich ihr modernes Gesicht zu entdecken begann. Moderne Architektur hat in Prag eine ganz andere Energie als in Berlin oder Rotterdam. Hier muss jedes neue Gebäude einen stillen Kampf mit der tausendjährigen Geschichte führen, die es umgibt. Leuchtendes Beispiel dafür ist das dekonstruktivistische Tanzende Haus, die gläserne brutalistische Neue Bühne oder die überraschend ruhigen kubistischen Villen unter dem Vyšehrad.

Mit meinem Mann Lukáš kehren wir jedes Jahr nach Prag zurück, und unsere Routen verändern sich dabei ständig. Verbrachten wir früher Freitagabende in halbvollen Holešovice-Galerien und diskutierten über zeitgenössische Kunst, navigieren wir heute mit unserem zweijährigen Jonáš im Kinderwagen durch die Stadt. Ich habe festgestellt, dass die großzügigen Flächen rund um brutalistische Kaufhäuser oder die barrierefreien Flussuferpromenaden für die Familienlogistik deutlich angenehmer sind als die engen Kopfsteinpflastergassen der Kleinseite. Besonders am Rašín-Ufer verbringen wir viel Zeit – Jonáš beobachtet die Boote und wir genießen einen Kaffee in den modern umgestalteten Gewölben in der Ufermauer.

Komm also mit mir – vom Tanzenden Haus über brutalistische Kaufhäuser bis zu kubistischen Villen, wo ich Jonáš zu überzeugen versuchte, dass ein sechseckiges Geländer auch eine Attraktion ist. Wir schauen uns gemeinsam rohen Brutalismus, revitalisierte öffentliche Räume und Kunst an, die aus der tschechischen Metropole weit mehr machen als nur eine Kulisse für Historienfilme.

Das Tanzende Haus am Rašín-Ufer, Ikone der modernen Prager Architektur
Das Tanzende Haus am Rašín-Ufer

Zusammenfassung

  • Das Tanzende Haus (offiziell Ginger & Fred) solltest du nicht nur von außen bewundern – statt teures Eintrittsgeld für die Aussichtsplattform zu zahlen, gönne dir lieber einen Drink in der Glass Bar im obersten Stockwerk.
  • Das Restaurant Ginger & Fred im Tanzenden Haus bietet großartige Ausblicke auf die Prager Burg, rechne aber mit Premiumpreisen für die exklusive Lage.
  • Der Žižkov-Fernsehturm mit den Babys von David Černý ist das höchste Bauwerk der Stadt und ein Paradebeispiel für High-Tech-Architektur, den die Einheimischen lange hassten und heute als Selbstverständlichkeit betrachten.
  • Zeitgenössische Kunst und Architektur findest du im DOX in Holešovice, wo auf dem Dach ein riesiges hölzernes Luftschiff namens Gulliver thront.
  • Die Neue Bühne des Nationaltheaters von Karel Prager ist ein faszinierendes Beispiel für gläsernen Brutalismus, unter dessen Dach moderne Geschichte geschrieben wurde – während der Proteste auf der Národní třída.
  • CAMP (Zentrum für Architektur und Stadtplanung) im Emauzer Kloster ist ein großartiger, kostenloser Ort, um zu verstehen, wie sich Prag städtebaulich entwickelt.
  • Wer ein tschechisches Architekturphänomen erleben möchte, sollte die kubistischen Bauten erkunden – vom Haus zur Schwarzen Muttergottes bis zur Kovařovic-Villa unter dem Vyšehrad.
  • Das Rašín-Ufer (Náplavka) wurde wunderbar modernisiert: Alte Eislager in der Ufermauer wurden zu Designcafés mit einzigartigen runden Glastüren umgestaltet.
  • Das Phänomen der Plattenbausiedlung Jižní Město zeigt die harte Realität des sozialistischen Wohnungsbaus – ein gigantisches Stadtplanungsprojekt für Hunderttausende Menschen.
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Prag Architektur: Wann am besten hinfahren

Die richtigen Winkel für Fotos von Beton- und Glasflächen erfordern ein besonderes Licht. Moderne Gebäude in Prag stehen oft an belebten Verkehrsadern oder auf offenen Plätzen, sodass der Zeitpunkt deines Spaziergangs den Gesamteindruck erheblich beeinflusst. Ich habe selbst festgestellt, dass jede Jahreszeit diesen Bauten einen anderen Kontext verleiht.

Frühling und Herbst: Goldenes Licht und Festivals

April, Mai und dann wieder September und Oktober sind meiner Meinung nach die klare erste Wahl. Die klare Frühlingssonne reflektiert sich wunderbar in den Glasblöcken der Neuen Bühne, und das weiche Herbstlicht schmeichelt dem rauen Beton auf besondere Weise.

Wer im Herbst kommt, sollte sich das Signal Festival vom 15. bis 18. Oktober 2026 im Kalender notieren. Dabei verwandeln sich moderne und historische Fassaden in riesige Leinwände für Video-Mapping, und die Straßen erwachen mit zeitgenössischer digitaler Kunst.

Winter und frühe Morgenstunden: Das rohe Gesicht der Stadt

Januar und Februar enthüllen die härteste Schicht der Stadt. Die Touristen verschwinden, und du hast den Raum, um das Ausmaß der Bauten ganz ohne störende Elemente auf dich wirken zu lassen. Brutalistische Gebäude im frostigen Nebel wirken genau so dystopisch, wie die Architekten der Siebzigerjahre es vielleicht beabsichtigt haben.

Ein frühmorgendlicher Spaziergang entlang der leeren Uferpromenade, wenn Nebelschwaden über der Moldau aufsteigen und du die Szenerie mit dem Tanzenden Haus ganz für dich allein hast, entschädigt für jeden noch so beißenden Frost. Die erfrorenen Finger wärmst du danach problemlos in einer der vielen Galerien auf.

Wo übernachten

Als Lukáš, Jonáš und ich im vergangenen Jahr eine Unterkunft suchten, die Komfort, Platz und gleichzeitig unseren Sinn für modernes Design vereint, entschieden wir uns für das The Julius Hotel am Senovážné-Platz. Das Hotel residiert in einem historischen Gebäude, der Innenbereich wurde jedoch vom Mailänder Studio Matteo Thun & Partners gestaltet – innen erwartet dich ein absolut klares, modernes und funktionales Design in Erdtönen. Wir wohnten in der One Bedroom Suite, was ich für Reisen mit einem Kleinkind uneingeschränkt empfehle. Wir hatten ein separates Schlafzimmer, eine voll ausgestattete Küche und ein großzügiges Bad. Morgens bereitete ich mir Filterkaffee direkt im Zimmer zu, während Jonáš die Plüschteppiche erkundete. Das Hotel liegt nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt, der zuletzt eine spektakuläre Fassade von Zaha Hadid bekommen hat – die Architekturtour beginnt also schon beim Verlassen der Hotellobby. Preise und Verfügbarkeit im The Julius Hotel kannst du hier über Booking.com prüfen.

Wo essen in Prag

Wenn wir die Stadt mit dem Kinderwagen durchstreifen und Betonkurven bewundern, meldet sich früher oder später der Hunger. In Prag gibt es zum Glück viele Orte, wo gutes Essen auf großartige Räume und Design trifft, sodass das Architekturerlebnis auch beim Mittagessen nicht unterbrochen werden muss.

Lukáš isst lieber Fleisch, ich als Vegetarierin suche etwas Leichteres – aber in den modernen Bistros rund um die Galerien finden wir immer einen Kompromiss. Ich empfehle dir gerne ein paar meiner Lieblingsstationen, wo du nicht nur gut isst, sondern dich auch in einem schönen Interieur niederlassen kannst.

Meine Lieblingsbistros und Cafés

Wenn du dich rund um die Neue Bühne des Nationaltheaters bewegst, solltest du unbedingt in den umliegenden Straßen zum Mittagessen einkehren. Ich schwöre auf die leichten Bistros Richtung Národní třída, wo du oft auf fantastische vegetarische Optionen und Spezialitätenkaffee triffst. Der gastronomische Wandel ist spürbar: Selbst das schlichteste Café sieht hier aus wie aus den Seiten eines Designmagazins.

Mein zweiter Geheimtipp: Verbinde einen Besuch im Emauzer Kloster und im CAMP mit einem späten Brunch. Das Café dort eignet sich prima für einen schnellen Espresso, aber gleich um die Ecke findest du zahlreiche tolle moderne Lokale mit Glasfronten und offener Küche. Wenn wir dort sitzen und Jonáš endlich für fünf Minuten im Kinderwagen einschläft, ist das für mich die pure Prager Glückseligkeit.

Tanzendes Haus: Von der Kontroverse zur Ikone

Kein anderes modernes Bauwerk hat in Prag so leidenschaftliche Debatten ausgelöst. Heute gehen wir an ihm vorbei wie an einer Selbstverständlichkeit, aber ich erinnere mich an die Erzählungen älterer Freunde, was für einen Aufruhr dieses dekonstruktivistische Spiel am Flussufer damals ausgelöst hat.

Architektur und Entstehungsgeschichte

Das Tanzende Haus und die umliegende Bebauung am Rašín-Ufer, Seitenansicht der dynamischen Gebäudeformen
Foto: Eliška Jindříšková / CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

An der Ecke Jiráskovo-Platz und Rašín-Ufer stand ursprünglich ein Mietshaus, das 1945 durch eine amerikanische Bombe zerstört wurde. Die Baulücke blieb jahrzehntelang leer, bis Václav Havel, der im benachbarten Haus wohnte, ins Spiel kam. Gemeinsam mit dem kroatisch-tschechischen Architekten Vlado Milunić träumte er von einem Gebäude mit kulturellem Anspruch. Schließlich stieß der weltberühmte kanadisch-amerikanische Architekt Frank Gehry zum Projekt, und 1996 war der Bau abgeschlossen. Zwei Türme – einer statisch und steinern, der andere dynamisch und gläsern – symbolisieren das berühmte Tanzpaar Fred Astaire und Ginger Rogers. Der Kontrast zwischen erstarrter Geschichte und dynamischer Zukunft ist hier in jedem Detail greifbar. Das Gebäude lohnt eine eingehende Betrachtung von außen – achte auf die asymmetrischen Fenster, die aus der Fassade hervortreten und an Bilder in Rahmen erinnern sollen.

Du erreichst das Tanzende Haus bequem mit der Straßenbahn (Haltestelle Jiráskovo náměstí) oder zu Fuß entlang des Flusses vom Nationaltheater. Von außen ist das Gebäude jederzeit zugänglich, und die besten Fotos bekommst du entweder von der gegenüberliegenden Ecke des Platzes oder von der Uferpromenade darunter.

💡 Tipp von mir: Das schönste Licht für Fotos des gläsernen „Ginger“-Turms gibt es am späten Nachmittag, wenn die untergehende Sonne von der Smíchov-Seite hineinscheint.

Aussichtsplattform und Glass Bar

Viele Touristen zahlen einen hohen Eintrittspreis nur dafür, mit dem Aufzug ins oberste Stockwerk zu fahren und dort ein Foto zu schießen. Wer die Stadt aus der Vogelperspektive erleben möchte: Die Tanzende-Haus-Aussichtsplattform bietet ein Panorama auf die Prager Burg, den Petřín und die Moldau, das wirklich beeindruckend ist. Die Dachterrasse ist über die Bar im letzten Stockwerk zugänglich.

Mein persönlicher Ansatz bei dieser Attraktion ist etwas anders. Der Eintritt auf das Dach kostet rund 12 €, aber ich investiere dieses Geld lieber in ein Getränk in der Glass Bar – und habe denselben Ausblick. Wer ein Getränk kauft, hat den Zugang zur Außenterrasse kostenlos inklusive. Die Bar selbst hat eine faszinierende Innenstruktur: Man sitzt unter einer gläsernen Kuppel, die von außen den „Kopf“ von Fred bildet. Das Interieur ist etwas beengt, aber für einen schnellen Kaffee oder einen Abendcocktail mehr als ausreichend. Geöffnet täglich von 10:00 bis Mitternacht.

💡 Tipp von mir: Komm kurz vor Sonnenuntergang. Die Bar füllt sich zwar schnell, aber der Blick auf den rötlich leuchtenden Himmel über der Prager Burg mit einem Drink in der Hand ist das Erlebnis wert – und mit Sicherheit mehr als bloßes Abhaken der Aussichtsplattform um die Mittagszeit.

Restaurant Ginger & Fred und Galerie

Im siebten Stockwerk des Gebäudes befindet sich das Restaurant im Tanzenden Haus, offiziell Ginger & Fred genannt. Es taucht regelmäßig in Reiseführerempfehlungen auf, hat bislang aber keinen Michelin-Stern erhalten – was ihm, finde ich, gut bekommt. Das Lockmittel ist die französisch-internationale Küche in Kombination mit einem fantastischen Ausblick. Als Vegetarierin zittere ich bei Luxusrestaurants immer, ob es mehr gibt als nur überteuerte Cremesaucen-Risotti – hier überraschen sie mich aber jedes Mal mit einer einfallsreichen vegetarischen Küche. Auf der Karte stehen oft raffiniert zubereitetes Saisongemüse oder Trüffelpasta.

Um es ehrlich zu sagen: In den Speisepreisen schlägt sich die Exklusivität der Adresse deutlich nieder. Hauptgerichte kosten routinemäßig um die 32 €, ein Degustationsmenü schlägt mit deutlich mehr zu Buche. Das ist ein Ort für Jubiläumsessen, nicht für ein schnelles Mittagessen beim Stadtbummel.

In den unteren Stockwerken des Gebäudes ist die Galerie Tanzendes Haus untergebracht, die Wechselausstellungen zu Design, Popkultur oder Retrospektiven tschechischer Künstler zeigt. Der Eintritt in die Galerie beläuft sich auf rund 8 €.

💡 Tipp von mir: Wer den Luxus des Restaurants erleben möchte, ohne ein Vermögen auszugeben, reserviert an einem Wochentag zur Mittagszeit – dann gibt es ein günstigeres Mittagsmenü.

Moderne Kunst und Brutalismus in den Straßen

Das moderne Gesicht der Stadt wurde auch durch raue Betonkonstruktionen und provokante Kunstinstallationen geprägt, die den historischen Kontext mit ungewöhnlicher Kühnheit aufbrechen – und genau das macht sie so faszinierend.

Žižkov-Fernsehturm und die Babys

Wer mit dem Zug oder dem Auto nach Prag kommt, sieht ihn schon von Weitem. Der Žižkov-Fernsehturm mit seiner Höhe von 216 Metern ist das höchste Bauwerk der Stadt und gewann jahrelang souverän Umfragen zum hässlichsten Gebäude der Welt. Er wurde Ende der Achtzigerjahre im Stil der High-Tech-Architektur erbaut, wobei für seinen Bau ein Teil des alten jüdischen Friedhofs abgerissen werden musste. Heute haben die Einheimischen ihn ins Herz geschlossen. Wesentlich zu seiner Popularität beigetragen hat der Bildhauer David Černý, der im Jahr 2000 riesige Laminat-Babys mit deformierten Gesichtern (die sogenannten „Babies“) an seinen Röhren installierte.

Mit dem Schnellaufzug kommst du nach oben – der Eintritt kostet rund 14 € (täglich von 9:00 bis Mitternacht geöffnet). Oben warten ein 360-Grad-Aussichtsdeck, ein Restaurant und sogar ein Hotelzimmer – Letzteres fasziniert mich immer wieder: Wer schläft schon gerne in einem Fernsehturm?

💡 Tipp von mir: Wer die Babys aus der Nähe und kostenlos sehen möchte: Drei Bronze-Abgüsse derselben Skulpturen liegen im Kampa-Park direkt neben dem Museum Kampa, wo Jonáš begeistert darauf herumklettert.

Drehbarer Kopf von Franz Kafka von David Černý
Drehbarer Kopf von Franz Kafka von David Černý

Neue Bühne des Nationaltheaters

Die Neue Bühne des Nationaltheaters in Prag mit der charakteristischen Glasfassade
Foto: Roman Boed from The Netherlands / CC BY 2.0 / Wikimedia Commons

Mitten im Herzen der Stadt, direkt neben dem neurenaissance-stlichen Nationaltheater, steht ein Block aus 4.306 Glasbausteinen. Die Neue Bühne von Architekt Karel Prager, 1983 eröffnet, ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Brutalismus aggressiv und dennoch faszinierend in historische Bebauung eingreifen kann.

Während meiner Studienzeit lief ich täglich daran vorbei und war immer wieder davon fasziniert, wie das Gebäude den Lärm der belebten Národní třída schluckt. Auf der Piazetta unter diesem Gebäude – heute Václav-Havel-Platz – versammelten sich damals Studenten während der Proteste, sodass der Ort eine enorme historische Bedeutung hat. Im Inneren befindet sich das Café Nona mit Blick direkt auf die Straße.

💡 Tipp von mir: Das Café im ersten Stock hat riesige Fenster direkt über der Národní třída – setz dich dort mit einem Espresso hin und beobachte einfach das Großstadttreiben unter dir.

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Kaufhäuser Kotva und Bílá labuť

Das Kaufhaus Kotva in der Prager Altstadt, brutalistische Sechseck-Fassade
Foto: Aktron / CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

In Debatten über moderne Architektur werden oft die Gebäude vergessen, die dem Alltag dienen. Das funktionalistische Kaufhaus Bílá labuť (Weißer Schwan) in der Straße Na Poříčí war in den Dreißigerjahren das modernste seiner Art in Mitteleuropa und besaß sogar Prags erste Rolltreppe.

Etwas weiter am Náměstí Republiky steht Kotva, ein ikonischer brutalistischer Bau aus den Siebzigerjahren vom Architektenpaar Machoninovi. Sein Grundriss erinnert an Bienenwaben. Heute kämpft das Gebäude ein wenig mit seiner Identität – irgendwo zwischen Einkaufszentrum und Museum –, aber für mich ist es unabhängig davon, was darin verkauft wird, nach wie vor faszinierend.

Mit dem Kinderwagen und Jonáš fahren wir manchmal über die breiten Betonterrassen rund um die Kotva, die inmitten des sonst überfüllten Platzes überraschend ruhige Rückzugsorte bieten. 💡 Tipp von mir: Suche im Innenbereich der Kotva nach ursprünglichen Details wie den sichtbaren Betondecken und dem massiven Treppenhaus, die alle modernen Umbauten überlebt haben.

Das Phänomen der Plattenbausiedlungen und Jižní Město

Wer verstehen möchte, wie ein großer Teil der Prager lebt, muss das Zentrum verlassen. Plattenbausiedlungen sind ein bedeutendes städtebauliches Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die größte davon ist Jižní Město (im Volksmund „Jižák“), ein gigantischer Komplex aus Betonblöcken, den du vom historischen Stadtkern aus mit der roten U-Bahn-Linie C erreichst (Stationen Háje oder Opatov).

Das ist keine touristische Attraktion im eigentlichen Sinne, aber aus architektur- und stadtgeschichtlicher Perspektive ist es eine faszinierende Bestandsaufnahme. Aus dem einst grauen Betonwald ist dank Wärmedämmung und Fassadensanierung eine bunte Stadt in der Stadt mit eigenen Parks und Infrastruktur geworden.

💡 Tipp von mir: Geh in den Zentralpark von Jižní Město spazieren. Du wirst feststellen, dass die kommunistischen Stadtplaner im Gegensatz zur beengten Innenstadt zwischen den Häusern riesige Grünflächen gelassen haben, die heute von Familien mit Kindern intensiv genutzt werden.

Galerien und revitalisierter öffentlicher Raum

Holešovice hat mich einst mit seiner düsteren Industrialatmosphäre angezogen – heute ist der Stadtteil der Beweis, dass aus einer verlassenen Fabrik ein kulturelles Herz der Stadt werden kann (man braucht nur ein wenig Mut und einen guten Architekten).

DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst

Das Gebäude des DOX Zentrums für zeitgenössische Kunst in Prager Holešovice
Foto: svajcr / CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons

Dieser Ort in Holešovice liegt mir besonders am Herzen. Eine ehemalige Fabrik wurde zu einer weitläufigen Galerie für zeitgenössische Kunst mit klarem, industriellem Design umgebaut. Im Jahr 2016 kam auf dem Dach das gigantische hölzerne Luftschiff Gulliver hinzu, das als Raum für Lesungen und Diskussionen genutzt wird.

Das DOX zeigt, wie man alte Industriequartiere retten kann, ohne dass sie ihre Seele verlieren. Eine Eintrittskarte kostet rund 11 €, montags und dienstags ist geschlossen. Aus dem Stadtzentrum erreichst du das DOX mit der Straßenbahn bis zur Haltestelle Ortenovo náměstí.

💡 Tipp von mir: Das Café im DOX hat eine wunderbare Sommerterrasse im Innenhof, wo absolute Stille herrscht – ideal, um das Buch zu lesen, das du gerade in ihrer hervorragend sortierten Designbuchhandlung gekauft hast.

CAMP (Zentrum für Architektur und Stadtplanung)

Eingang zum CAMP, Zentrum für Architektur und Stadtplanung in Prag
Foto: Martin2035 / CC BY 4.0 / Wikimedia Commons

Wer wissen möchte, wie sich Prag weiterentwickeln wird, sollte das CAMP besuchen. Es ist im Gelände des Emauzer Klosters in Gebäuden aus den Sechzigerjahren von Karel Prager untergebracht. Im Inneren findest du einen riesigen Saal mit einer 25 Meter langen Projektionswand, auf der Pläne für künftige Prager Stadtviertel, Brücken und Parks zu sehen sind.

Der Eintritt zu den Ausstellungen ist kostenlos, geöffnet ist von Dienstag bis Sonntag. Der Raum selbst ist mit seinem Sichtbeton und dem dunklen Holz ein architektonisches Erlebnis für sich.

💡 Tipp von mir: Das Café hier bietet einen der besten Spezialitätenkaffees in der Umgebung des Karlsplatzes, und du kannst in Ruhe zahlreiche internationale Architekturmagazine durchblättern, die am Tisch ausliegen.

Rašín-Ufer und Náplavka

Das Rašín-Ufer mit der Náplavka und der Eisenbahnbrücke über die Moldau in Prag
Foto: ŠJů / CC BY 4.0 / Wikimedia Commons

Der Raum unterhalb des Tanzenden Hauses, direkt am Ufer der Moldau, hat vor einigen Jahren eine brillante architektonische Verwandlung erlebt. Die ursprünglichen Gewölbe in der Ufermauer, die früher als Eislager dienten, wurden vom Architekten Petr Janda umgebaut. Er versah sie mit riesigen elliptischen Glastüren, die sich nach außen aufklappen lassen.

Heute beherbergen sie Cafés, Bars, Galerien und öffentliche Toiletten. Die Architektur dient hier auf absolut natürliche Weise den Menschen. Die Náplavka ist tagsüber perfekt für Spaziergänge mit dem Kinderwagen und verwandelt sich abends in Prags größte Open-Air-Bar.

💡 Tipp von mir: Samstagvormittags findet hier ein Bauernmarkt statt. Kauf dir frisches Brot und Käse, setz dich an den Rand der Promenade und lass die Beine über die Moldau baumeln. Einen besseren Wochenendstart in Prag gibt es nicht.

Kubistische Architektur in Prag und das Haus zur Schwarzen Muttergottes

Das kubistische Haus zur Schwarzen Muttergottes in der Prager Altstadt
Foto: Perituss / CC0 / Wikimedia Commons

Kubismus in der Architektur ist ein absolutes Weltalleinstellungsmerkmal, das es nirgendwo außer in Tschechien gibt. Während Picasso den Kubismus malte, beschlossen tschechische Architekten wie Josef Gočár, ihn zu bauen. Das Haus zur Schwarzen Muttergottes am Obstmarkt (Ovocný trh) ist der berühmteste Beweis dafür.

Die Fassade ist in kristalline Formen gebrochen, und im Inneren befindet sich das einzige kubistische Café der Welt, das Grand Café Orient, in dem sogar Kronleuchter und Garderobenhaken scharfe geometrische Formen haben. Ein weiteres schönes Beispiel für kubistische Architektur in Prag ist die Kovařovic-Villa unterhalb des Vyšehrad, an der wir bei unseren Spaziergängen oft vorbeikommen.

💡 Tipp von mir: Im Haus zur Schwarzen Muttergottes solltest du unbedingt vom Erdgeschoss aus durch das Treppenhaus nach oben schauen – das Geländer bildet die perfekte Form einer Glühbirne. Ein beliebtes Fotomotiv für alle Fotografen.

Kontraste in Troja: Schloss vs. Trojska-Brücke

Das barocke Schloss Troja in Prag mit dem französischen Garten
Foto: Ștefan Jurcă from Paris / CC BY 2.0 / Wikimedia Commons

Wenn man „Schloss Troja“ hört, denkt man an ein wunderschönes barockes Bauwerk aus dem 17. Jahrhundert mit einem monumentalen Treppenhaus. Warum erwähne ich es in einem Artikel über moderne Architektur? Weil man in Troja einen der besten städtebaulichen Kontraste der Stadt erlebt.

Nur wenige hundert Meter von den barocken Gärten entfernt überspannt die Trojska-Brücke den Fluss, die im Jahr 2014 eröffnet wurde. Diese Netzwerk-Bogenkonstruktion ohne einen einzigen Pfeiler im Wasser ist ein Meisterwerk moderner Ingenieurskunst. Wer weiter in den benachbarten Zoo geht, stößt auf hochkarätige moderne Tierpavillon-Bauten der letzten Jahre.

💡 Tipp von mir: Den besten Blick auf die klaren Linien der Trojska-Brücke mit der barocken Kulisse im Hintergrund bekommst du von der Císařský-Insel in der Abenddämmerung, wenn sich die Brücke in weißes Licht hüllt.

Praktische Infos

Die Orientierung und die Wege zwischen den architektonischen Sehenswürdigkeiten erfordern etwas Planung. Hier sind die wichtigsten praktischen Tipps für 2026.

  • Nahverkehr und Tickets: Die meisten interessanten Gebäude liegen an Straßenbahn- oder U-Bahn-Haltestellen. Es lohnt sich, eine 24-Stunden-Karte für rund 6 € oder eine 72-Stunden-Karte für rund 13 € zu kaufen. Tickets kaufst du ganz einfach in der App PID Lítačka oder kontaktlos an den orangefarbenen Terminals in jeder Straßenbahn.
  • App Mapy.cz: Vergiss Google Maps, wenn du nach konkreten Touristenrouten oder Gebäudedetails suchst. Die tschechische App Mapy.cz hat eine deutlich bessere Abdeckung für Fußwege und zeigt dir jeden Durchgang sowie die genaue Position von Skulpturen im öffentlichen Raum.
  • Eintrittskarten: In die meisten staatlichen und städtischen Galerien (einschließlich der in modernen Gebäuden) kaufst du Tickets vor Ort, aber bei privaten Einrichtungen wie dem DOX oder der Aussichtsplattform am Fernsehturm empfehle ich den Online-Kauf – so vermeidest du Warteschlangen.
  • Kaffee und Verpflegung: Moderne Gebäude beherbergen oft großartige Cafés (DOX, CAMP, Nationaltheater). Die meisten bieten inzwischen Hafermilch und mehrere vegetarische oder vegane Snacks an, sodass du an diesen Orten mit der Verpflegung keine Probleme haben wirst.

Weitere Reisetipps

Wenn du weitere Tipps suchst, wie du Prag abseits der ausgetretenen Touristenpfade erleben kannst, schau dir meine weiteren Artikel an:

Häufig gestellte Fragen

Wer hat das Tanzende Haus entworfen?

Das Gebäude wurde vom kroatisch-tschechischen Architekten Vlado Milunić in Zusammenarbeit mit dem berühmten kanadisch-amerikanischen Architekten Frank Gehry entworfen. Die Innenräume wurden teilweise von der britischen Architektin tschechischer Herkunft Eva Jiřičná gestaltet.

Was kostet der Eintritt zur Aussichtsplattform des Tanzenden Hauses?

Der reine Eintritt zur Dachterrasse mit Aussicht kostet etwa 10 Euro. Eine viel bessere Alternative ist jedoch ein Besuch in der Glass Bar im obersten Stockwerk, wo ihr mit dem Kauf eines beliebigen Getränks kostenlosen Zugang zur Aussichtsterrasse erhaltet.

Gibt es im Tanzenden Haus ein Restaurant?

Ja, im 7. Stock findet ihr das luxuriöse Restaurant Ginger & Fred. Es bietet einen herrlichen Blick auf Hradčany und internationale Küche mit französischen Einflüssen. Rechnet allerdings mit deutlich höheren Preisen.

Wo finde ich weitere moderne Architektur in Prag?

Zu den bedeutendsten modernen Bauwerken gehören die Nová scéna des Nationaltheaters, der Fernsehturm Žižkov, das DOX in Holešovice, das CAMP-Gebäude in Emauzy oder der kürzlich eröffnete hochmoderne Komplex am Masarykovo nádraží von Zaha Hadid.

Was ist CAMP und wo finde ich es?

CAMP ist das Zentrum für Architektur und Stadtplanung. Es befindet sich im Areal des Emauzy-Klosters unweit des Karlovo náměstí. Es dient öffentlichen Debatten über die Entwicklung Prags und der Eintritt zu seinen interaktiven Ausstellungen ist kostenlos.

Wo finde ich kubistische Architektur in Prag?

Das bekannteste kubistische Gebäude ist das Haus zur Schwarzen Muttergottes am Ovocný trh im Stadtzentrum. Ein weiteres großartiges Beispiel ist die Kovařovicova vila am Rašínovo nábřeží unterhalb von Vyšehrad oder die kubistische Dreiervilla am Rašínovo nábřeží.

Wann ist die beste Zeit zum Fotografieren moderner Architektur?

Für Glasflächen wie beim Tanzenden Haus ist der späte Nachmittag und Sonnenuntergang ideal. Beton- und brutalistische Bauten wie Kotva oder die Nová scéna kommen hingegen am frühen Morgen oder an nebligen Wintertagen besonders gut zur Geltung, wenn sie eine raue Atmosphäre bekommen.

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