Bären in Kanada: Der komplette Sicherheitsguide (Bear Spray, Verhalten, Reaktion beim Treffen)

Da wir eine Zeit lang als Guides in den Bergen gearbeitet haben und eine unserer Touren eine Schulung über das richtige Verhalten bei Bärenbegegnungen beinhaltete, weiß ich über Bären in Kanada vielleicht mehr, als mir lieb ist.

Wir haben unzählige Touristen erlebt, die versuchten, sich für ein Instagram-Foto auf wenige Meter an einen Grizzly heranzupirschen – und die Ranger im Park wurden dabei sichtlich grau. Dieser Guide ist das Ergebnis von echtem Leben direkt im Park, unzähligen Stunden auf den Trails und ein paar sehr nahen Begegnungen, über die ich euch hier alles erzählen werde.

Ich erkläre euch, wie ihr euch auf dem Trail sicher verhaltet, was der Unterschied bei der Verteidigung gegen einen Grizzly und einen Schwarzbären ist, wie man Bear Spray richtig einsetzt – und wo man in dieser atemberaubenden, aber wilden Natur übernachten und essen kann. Auf geht’s!

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Zusammenfassung

Hier ist unser kleiner Spickzettel – falls ihr schon ungeduldig auf dem Trail steht und nur schnell das Wichtigste auffrischen wollt:

  • Grundregel: Überrascht einen Bären niemals, wirklich niemals. Auf Trails müsst ihr Lärm machen – am besten laut reden, klatschen oder singen (Glöckchen reichen oft nicht aus).
  • Grizzly vs. Schwarzbär: Greift euch ein Grizzly an, stellt euch tot. Greift euch ein Schwarzbär an, kämpft mit allem, was ihr habt.
  • Bear Spray ist Pflicht: In Nationalparks wie Banff oder Jasper ist das Tragen von Bärenspray absolute Notwendigkeit. Es kostet rund 40 € zum Kaufen oder ca. 3 € pro Tag zum Leihen.
  • Abstand: Haltet mindestens 100 Meter Abstand zu Bären. Wer dagegen verstößt oder am Straßenrand aus dem Auto steigt, riskiert eine Geldstrafe von 130 € – bei größeren Störungen des Wildlebens sogar bis zu unglaublichen 16.000 €.
  • Die Statistik spricht für sich: In den letzten 100 Jahren haben Bären in Kanada rund 80 Menschen getötet. Die überwiegende Mehrheit dieser Fälle ereignete sich, weil Menschen grundlegende Regeln ignorierten, alleine und leise in den Wald gingen oder gesperrte Routen missachteten.

Drei Bärenarten, denen ihr in Kanada begegnen könnt

Kanada hat eine der höchsten Bärenpopulationen weltweit – eine Begegnung mit Bären in Kanada ist eine absolut reale Möglichkeit, die ihr bei der Reiseplanung einkalkulieren müsst. In den beliebten Provinzen Alberta und British Columbia trefft ihr hauptsächlich auf zwei Arten (Grizzly und Schwarzbär), während im hohen Norden der Eisbär regiert.

Wir haben gelernt, sie recht schnell zu unterscheiden – denn wie ihr reagiert, hängt genau davon ab, wer da vor euch steht.

1. Grizzlybär (Ursus arctos horribilis)

Grizzlybär (Ursus arctos horribilis) in freier Wildbahn
Foto: GlacierNPS / Public domain / Wikimedia Commons

Der Grizzly ist der wahre König der hiesigen Berge und flößt enormen Respekt ein. Allein in Alberta leben rund 1.500 Exemplare, in British Columbia sogar etwa 15.000. Erkennen könnt ihr ihn recht leicht am markanten muskulösen Buckel zwischen den Schulterblättern, der ihm gewaltige Kraft zum Graben verleiht. Dazu kommt ein eher konkaves (eingesunkenes) Gesichtsprofil und kleine, runde Ohren.

Was die Farbe betrifft: Lasst euch vom Namen nicht täuschen – ein Grizzly kann von hellblond über braun bis fast schwarz reichen. Diese Tiere sind riesig, und bei einer Begegnung ist absolute Ruhe gefragt, denn sie sind sehr territorial und greifen meistens aus einem Bedrohungsgefühl heraus an. Wer mehr über ihre Gewohnheiten erfahren möchte, findet auf den offiziellen Seiten von Parks Canada viele Details – wir haben dort vor der Saison fast jeden Abend gelesen.

2. Amerikanischer Schwarzbär (Black Bear)

Amerikanischer Schwarzbär (Black Bear) im Jasper Nationalpark
Foto: Thomas Fuhrmann / CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

Der Schwarzbär ist deutlich häufiger anzutreffen – allein in Alberta wird seine Population auf beachtliche 40.000 Tiere geschätzt. Oft begegnet man ihm direkt auf Campingplätzen oder in der Nähe von Straßen. Im Vergleich zum Grizzly fehlt ihm der typische Rückenbuckel, sein Gesichtsprofil ist gerader (ähnlich einer Hundeschnauze) und die Ohren sind länger und spitzer.

Auch hier gilt: Die Farbe ist kein verlässliches Erkennungsmerkmal – ein Schwarzbär kann tatsächlich braun, zimtfarben oder sogar weiß sein (der sogenannte Spirit Bear in BC). Schwarzbären sind in der Regel scheuer und klettern lieber auf einen Baum, doch wenn sie angreifen, handelt es sich oft um einen räuberischen (predatorischen) Angriff – deshalb empfiehlt sich bei ihnen eine aggressive Gegenwehr. Viele präventive Tipps findet ihr auch auf der Website von WildSafeBC.

3. Eisbär und Kodiak-Bär

Eisbärenpaar in arktischer Schneelandschaft

Diesen Riesen begegnet ihr in gängigen Touristendestinationen wie Banff oder Jasper nicht. Eisbären leben im hohen Norden – etwa in der Stadt Churchill in Manitoba, wohin Expeditionen speziell zur Bärenbeobachtung angeboten werden – sowie an den Küsten arktischer Gebiete.

Der Kodiak-Bär ist eine spezifische Unterart des Braunbären, die auf der gleichnamigen Insel in Alaska und einigen Pazifikinseln lebt. Für einen gewöhnlichen Kanada-Roadtrip reicht das Wissen über Grizzly und Schwarzbär vollkommen aus – diesbezüglich könnt ihr ganz entspannt sein.

Wann sind Bären am aktivsten

Ehrlich gesagt war das eine der ersten Erkenntnisse, die wir in Banff am eigenen Leib erfahren haben: Bären sind nicht überall und jederzeit präsent – ihre Aktivität richtet sich nach Nahrung und Jahreszeit, was maßgeblich beeinflusst, wie gereizt sie gerade sind. Das Verstehen ihres „Kalenders“ hilft euch, Ausflüge besser zu planen und gefährliche Situationen zu vermeiden.

Lukas und ich haben die meisten Bären immer zu Beginn des Sommers gesehen, wenn sie ins Tal hinabkommen, um Nahrung zu suchen.

1. Frühling und Frühsommer: Hunger nach dem Winterschlaf

Grizzly beim Frühjahrsangeln im Fluss nach dem Winterschlaf

Wenn Bären im Frühling (meist April bis Mai) aus dem Winterschlaf erwachen, haben sie enormen Hunger und haben einen Großteil ihres Körpergewichts verloren. Sie halten sich hauptsächlich in tieferen Lagen und nahe Straßen auf, weil dort der Schnee zuerst taut und das erste grüne Gras sowie Löwenzahn sprießt.

In dieser Zeit sind sie stark auf Nahrungssuche fokussiert – in den Tälern, in denen auch wir Touristen unterwegs sind, ist besondere Wachsamkeit geboten. Passt in diesen Monaten wirklich auch am Rand kleinerer Ortschaften gut auf.

2. Spätsommer: Junge Bären unterwegs

Grizzly-Bärin mit zwei Jungtieren auf einer Wiese im goldenen Abendlicht

Im Juli und August ist der Schnee auch in den Hochlagen geschmolzen und die Bären ziehen in höhere Regionen, um Waldbeeren (Heidelbeeren und andere Beerenfrüchte) zu fressen. Im Sommer führen Mütter auch ihre Jungen aus und bringen ihnen bei, in der Wildnis Nahrung zu finden.

Aus touristischer Sicht ist das eine anspruchsvolle Zeit, denn auf beliebten Hochalpin-Trails kann es zu Begegnungen kommen – und eine Bärin mit Jungtieren ist die absolut gefährlichste Kombination, der ihr begegnen könnt.

3. Herbst: Phase der Hyperphagie

Grizzly beim Lachsfang im Herbstfluss — Phase der Hyperphagie

Der Herbst ist aus Sicherheitssicht eine sehr heikle Phase. Bären befinden sich im Zustand der sogenannten Hyperphagie – einer Periode maßlosen Fressens, bei der sie verzweifelt versuchen, möglichst viele Fettreserven vor dem nahenden Winter anzufressen.

In dieser Zeit sind sie in der Lage, zehntausende Kalorien täglich zu verschlingen, und wollen nicht gestört werden. Sie sind extrem territorial gegenüber ihren Nahrungsquellen – wer sie an einem erbeuteten Kadaver oder einem beerenreichen Strauch aufschreckt, muss mit sehr aggressiven Reaktionen rechnen.

4. Winter: Zeit des Winterschlafs

Von November bis März (manchmal bis April) schlafen Bären in der Regel in ihren Höhlen, und das Begegnungsrisiko ist absolut minimal. Im Winter werden die Jungtiere geboren und die Bären leben ausschließlich von ihren Fettreserven.

Gelegentlich kommt es vor, dass ein älterer oder kranker Bär, der nicht genug Fett angefressen hat, nicht schläft und durch die Landschaft streift – das sind jedoch sehr seltene Ausnahmen. Bei einem Winterurlaub in Kanada müsst ihr euch also vor Bären praktisch nicht fürchten und könnt in aller Ruhe Ski fahren oder Schneeschuhwandern.

Regeln bei einer Bärenbegegnung (oder: Wie man überlebt)

Das ist der wichtigste Abschnitt des gesamten Artikels. Die Kenntnis der sogenannten Bärensicherheitsprotokolle ist absolut entscheidend, wenn ihr irgendeine Wanderung oder Tour in kanadischen Nationalparks unternehmt. Als wir in Banff arbeiteten, mussten wir eine Sicherheitsschulung absolvieren – und glaubt mir: Sobald ihr gelernt habt, diese Regeln zu respektieren, verwandelt sich die Angst in gesunden Respekt.

Schauen wir uns detailliert an, was ihr Schritt für Schritt tun müsst, wenn der Moment wirklich eintritt.

1. Vorbeugung ist das A und O

Die beste Bärenbegegnung ist gar keine. Die meisten Angriffe passieren, weil Touristen einen Bären auf kurze Distanz überraschen – etwa in einer Kurve oder hinter einem Kamm. Auf Trails müsst ihr ständig Lärm machen. Lukas und ich reden laut miteinander, und wenn wir an einem Ort mit schlechter Sicht oder neben einem rauschenden Fluss gehen, klatschen wir und rufen gelegentlich unser bewährtes „Hey bear!“

Bärenglöckchen werden zwar häufig verkauft, aber die örtlichen Ranger sagen euch, dass sie wenig taugen – ihr Klang trägt sich im Wald schlecht und klingt wie ein Vogel. Sprecht immer mit menschlicher Stimme, brecht nicht früh morgens oder in der Dämmerung auf, wenn das Wild am aktivsten ist – und das gilt wirklich: Geht niemals allein in den Wald.

Straße nach Alaska mit Bison- und Bärensichtungen am Wegrand
Die einzige Freude auf der Fahrt war eine Bisonherde und ab und zu ein Rentier oder Bär am Straßenrand

2. Was tun bei einer Begegnung mit einem Grizzly

Wenn ihr doch auf einen Bär trefft und er euch bemerkt hat, ist absolute Ruhe die Grundlage. Niemals wegrennen – ein Grizzly erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h, und eure Flucht weckt in ihm den Jagdinstinkt. Beim Grizzly gilt: Bleibt stehen, sprecht ihn mit tiefer, ruhiger Stimme an (damit er erkennt, dass ihr ein Mensch und keine Beute seid), und zieht euch langsam zurück.

Sollte der Grizzly angreifen (was bei ihm meistens ein Defensivangriff ist, weil ihr ihn überrascht habt oder er sein Revier schützt), setzt das Bear Spray ein. Kommt es trotzdem zu körperlichem Kontakt, werft euch mit dem Gesicht nach unten auf den Boden, schützt euren Nacken mit den Händen, spreeizt die Beine (damit er euch nicht leicht umdrehen kann) und stellt euch tot. Sobald der Grizzly feststellt, dass ihr keine Bedrohung darstellt, verliert er meist das Interesse und geht weg.

3. Was tun bei einer Begegnung mit einem Schwarzbären

Schwarzbär im Morgennebel des kanadischen Waldes

Eine Begegnung mit einem Schwarzbären beginnt gleich: Ruhe bewahren und ihn ansprechen. Schwarzbären sind meistens schüchterner. Ihr könnt versuchen, euch visuell größer zu machen – hebt die Arme, öffnet eure Jacke. Der entscheidende Unterschied kommt jedoch, wenn der Schwarzbär angreift.

Anders als beim Grizzly greift der Schwarzbär oft aus predatorischen Gründen an und sieht euch als Beute. Wenn euch ein Schwarzbär anspringt, stellt euch niemals tot – kämpft stattdessen um euer Leben. Nutzt Äste, Steine, Fäuste, tretet, schreit, zielt auf seine Augen und Schnauze. Ihr müsst ihn überzeugen, dass ihr eine zu gefährliche und widerspenstige Beute seid.

4. Bear Spray und seine richtige Anwendung

Bear Spray — unverzichtbare Schutzausrüstung in kanadischen Nationalparks
Foto: USFWS Mountain Prairie / Public domain / Wikimedia Commons

Bear Spray (Bärenspray auf Capsaicin-Basis) ist eure wichtigste und effektivste Waffe – in Banff und Jasper ist das Tragen für jeden Wanderer absolute Pflicht. Tragt es immer am Gürtel oder an der Brust (niemals tief im Rucksack vergraben, denn ihr habt nur Sekunden zum Reagieren). Der Spray hat eine Reichweite von etwa 4 bis 5 Metern und verbreitet eine breite Wolke.

Wenn der Bär auf euch zuläuft, sichert ab, drückt den Abzug für 2 bis 3 Sekunden (die gesamte Dose hält nur ca. 7 bis 8 Sekunden) und zielt leicht nach unten, damit die Pfefferwolke eine Wand zwischen euch und dem Tier bildet. Achtet auf den Wind, damit ihr euch nicht selbst besprüht. Denkt daran: Die Dose ist nur einmal verwendbar und kein Repellent – sprüht niemals euer Zelt oder eure Kleidung damit ein!

5. Was tun bei einer Begegnung mit Jungtieren

Junger Schwarzbär auf einer Wiese — niemals annähern

Kleine, niedliche Bärenjunge zu sehen, die auf einer Wiese spielen, mag wie ein unvergessliches Erlebnis wirken – aber es ist tatsächlich die gefährlichste Situation, in der ihr euch befinden könnt. Wo Jungtiere sind, ist hundertprozentig auch eine riesige, beschützende Mutter in der Nähe.

Bis zu 99 % der Grizzly-Angriffe werden von einer Mutter ausgelöst, die ihre Jungen verteidigt. Wenn ihr Jungtiere seht, dürft ihr euch unter keinen Umständen zwischen sie und ihre Mutter begeben. Verlasst den Bereich sofort, aber sehr langsam – denselben Weg zurück, den ihr gekommen seid – haltet Blickkontakt mit dem Bereich (aber starrt der Bärin nicht in die Augen) und macht euer Bear Spray bereit.

6. Hungriger Bär vor dem Winter

Das ist eine relativ seltene, aber sehr reale Situation im Spätherbst (Oktober und November). Bären leiden vor der Hibernation unter der bereits erwähnten Hyperphagie und müssen mehr fressen als je zuvor.

Wenn ihr in dieser Zeit auf einen Bären trefft, der euch beobachtet, keine Anzeichen von Angst zeigt und euch hartnäckig folgt, auch wenn ihr zurückweicht, handelt es sich wahrscheinlich um predatorisches Verhalten. In diesem Fall: Bleibt stehen, macht euch so groß wie möglich, schreit aggressiv (kein ruhiges Sprechen), werft Steine, macht euer Spray bereit und signalisiert deutlich, dass ihr keine Beute sein werdet.

7. Bear Spray gehört nicht ins Flugzeug

Ein sehr praktischer Hinweis, den viele Menschen nicht kennen: Bear Spray darf weder im Handgepäck noch im aufgegebenen Gepäck mitgeführt werden – weder auf dem Hinflug noch auf dem Rückflug. Es handelt sich um einen Druckbehälter mit einem stark reizenden Stoff und ist in der Luftfahrt streng verboten.

Bear Spray müsst ihr euch erst vor Ort in Kanada besorgen. Ihr könnt es in Outdoor-Geschäften wie Mountain Equipment Co-op (MEC) oder Canadian Tire für ca. 40 € kaufen (Achtung: es hat ein Verfallsdatum von 4 Jahren). Eine tolle und umweltfreundlichere Option für Kurzreisende ist das Leihen – etwa in Informationszentren, wo es für rund 3 € pro Tag erhältlich ist.

8. Bear-Safe-Regeln beim Camping

Bärensicherer Behälter (Bear-Proof Container) zur Lebensmittelaufbewahrung
Foto: Yellowstone National Park from Yellowstone NP, USA / Public domain / Wikimedia Commons

Camping in Bärengebiet ist wunderschön, erfordert aber eiserne Disziplin. Die goldene Regel lautet: Ins Zelt darf absolut nichts, was riecht. Und damit ist nicht nur Essen gemeint, sondern auch Zahnpasta, Deo, Sonnencreme, leere Lebensmittelverpackungen oder sogar Kleidung, in der ihr abends am Lagerfeuer Würstchen gegrillt habt.

All diese Dinge müsst ihr über Nacht im Auto verstauen (wenn ihr am Auto campt) oder in speziellen metallischen, bärensicheren Containern aufbewahren, die in kanadischen Nationalparks auf jedem Campingplatz verpflichtend zur Verfügung stehen. Wer abseits der Wege im Backcountry zeltet, muss einen eigenen tragbaren Behälter mitführen und Lebensmittel weit vom Zelt entfernt in Bäumen aufhängen.

9. Wildlife Jams – Verkehrsstaus wegen Wildtieren

Grizzly im Morgennebel über den Rocky Mountains — Wildlife Jam

Wenn ihr durch die kanadischen Parks fahrt, werdet ihr sehr wahrscheinlich einen sogenannten Wildlife Jam oder Bear Jam erleben – eine Kolonne aus Dutzenden Autos, die mitten auf der Straße anhält, weil jemand am Straßenrand einen Bären gesehen hat. Denkt daran: Beim Beobachten von Wildtieren aus dem Auto heraus müsst ihr mindestens 15 km/h fahren, sofern der Verkehr es erlaubt. Vollständiges Anhalten erzeugt sehr gefährliche Situationen.

Und das ist absolut entscheidend: Steigt niemals aus dem Auto. Ihr werdet regelmäßig Menschen sehen, die mit der Kamera zwei Meter vom Bären entfernt stehen – das ist nicht nur extrem gefährlich, sondern auch illegal, und Ranger verteilen dafür Bußgelder von 130 € und mehr direkt vor Ort.

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10. Sicherheit auf dem Trail mit Kindern

Mit Kindern in die Wildnis zu reisen ist großartig, erfordert aber noch größere Vorsicht. Kinder sind kleiner, bewegen sich oft schnell und unvorhersehbar und können für Raubtiere wie leichtere Beute wirken. Die Regel in Kanada ist klar: Kinder bis 12 Jahre sollten auf Trails immer in der Mitte der Gruppe zwischen Erwachsenen laufen und dürfen niemals vorauslaufen oder weit zurückfallen.

Bringt Kindern bei, Lärm zu machen – lasst sie alle 30 Sekunden Reime aufsagen oder Lieder singen. Wenn ihr einem Bären begegnet, nehmt kleinere Kinder sofort auf den Arm (damit sie nicht in Panik weglaufen) und folgt den Standardregeln des Rückzugs.

11. Was tun, wenn ein Bär das Zelt angreift

Das ist wohl der schlimmste Alptraum, der zum Glück äußerst selten vorkommt – vor allem dann, wenn ihr die oben genannten Regeln zur Lebensmittelaufbewahrung befolgt. Sollte es aber dennoch passieren, dass euch nachts im Zelt ein Bär überrascht, der versucht hereinzukommen, das Zelt aufreißt oder darauf herumtrampelt – stellt euch auf keinen Fall tot.

Im Schlafsack eingerollt wärt ihr völlig wehrlos und würdet es wohl nur mit Glück überleben. Verlasst sofort das Zelt, sprüht das Bear Spray, schreit aus vollem Hals und schlagt mit allem auf ihn ein, was ihr in die Hände bekommt – das ist ein rein predatorischer Angriff und es geht buchstäblich ums Überleben.

12. Wichtige Notrufnummern

Falls doch etwas Unvorhergesehenes passiert – oder ihr einen sehr aggressiven Bären seht oder beobachtet, wie andere Touristen Tiere füttern und Regeln missachten –, ist es gut zu wissen, wen man anrufen soll. In allen Nationalparks funktioniert die klassische Notrufnummer 911, über die ihr die Royal Canadian Mounted Police (RCMP) erreicht.

Darüber hinaus ist es sinnvoll, direkt die Nummern der örtlichen Ranger und Tierschutzbeauftragten gespeichert zu haben, die sich primär um Wildtiere kümmern. In Banff ruft ihr 403-762-1470 an, in Jasper 780-852-6155. Speichert diese Nummern ins Telefon – auch wenn ihr in abgelegeneren Gebieten (Backcountry) oft keinen Empfang habt.

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Unterkunft in Bärengebiet – und was ist mit Hunden?

Bei der Planung einer Reise in die kanadischen Rocky Mountains werdet ihr eure Unterkunft wahrscheinlich in einem der drei wichtigsten Zentren suchen: Banff, Jasper oder Canmore. Alle diese Städte liegen mitten in der Wildnis. Die Preise sind in der Hochsaison sehr hoch – rechnet im Schnitt mit 230 bis 450 € pro Nacht für zwei Personen. Auf Campingplätzen ist es natürlich günstiger (ca. 30 bis 65 €), aber diese müsst ihr bis zu einem halben Jahr im Voraus buchen. Einen guten Überblick über verfügbare Unterkünfte findet ihr bei Booking.com.

Ein wichtiger Hinweis zu Haustieren: Mit einem Hund in kanadische Nationalparks zu fahren ist keine gute Idee. Hunde sind für Bären ein großer Anreiz – sie nehmen sie als lästige Kojoten oder Wölfe wahr. Viele Angriffe begannen damit, dass ein Hund in den Wald lief, einen Bär provozierte und in Panik direkt zu seinen Besitzern zurückkehrte – mit dem Bär im Schlepptau. Außerdem sind Hunde auf vielen beliebten Trails aus Naturschutzgründen schlicht verboten.

Banff und Canmore: Das Herz des Tourismus

Banff ist ein wunderschönes Städtchen voller Restaurants und Geschäfte, durch dessen Randstraßen Bären ganz gewöhnlich streifen. In beiden Städten gelten strenge Regeln für Müll – die speziell gesicherten Mülleimer sind kein Dekor, Bären öffnen normale Behälter in fünf Minuten, das sage ich aus eigener Erfahrung 😁

In Banff haben wir das gemütliche Moose Hotel & Suites lieben gelernt, das auf dem Dach traumhafte Außenpools hat. Wer etwas Entspannteres und etwas Günstigeres sucht, ist im Canmore Rocky Mountain Inn kurz vor den Toren des Parks gut aufgehoben.

Jasper: Wilder Norden

Jasper, einige hundert Kilometer nördlich am berühmten Icefields Parkway gelegen, hat eine weitaus entspanntere und wildere Atmosphäre als das kommerziellere Banff. Die Natur ist hier gewaltig, und sowohl die Bären- als auch die Elch- und Wapiti-Population ist sehr dicht.

Wer echte Blockhütten-Romantik erleben möchte, sollte sich das Fairmont Jasper Park Lodge ansehen – dort kommen euch die Tiere buchstäblich unter die Fenster und ihr fühlt euch wie in einem National-Geographic-Dokumentarfilm. Eine günstigere und sehr angenehme Alternative ist das Whistler’s Inn direkt im Zentrum des Städtchens.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Diese Fragen erreichen uns wohl am häufigsten von allen Themen auf dem Blog – daher versuche ich sie ausführlich zu beantworten und ergänze sie um weitere Dinge, die ihr uns regelmäßig stellt, wenn ihr eure Koffer für Kanada packt.

Welche Bären leben in Kanada?

In Kanada leben drei Hauptarten von Bären. Am häufigsten ist der Schwarzbär, dem man fast überall begegnen kann. In den Bergregionen Westkanadas (Alberta, British Columbia) lebt der riesige und territorialere Grizzlybär. Im hohen Norden und in den arktischen Gebieten findet man den Eisbären. Lukáš und ich sind hauptsächlich den ersten beiden Arten begegnet, denn für Eisbären muss man spezielle und anspruchsvolle Arktis-Expeditionen unternehmen.

Worauf muss man in Kanada achten?

Bei einem Besuch der kanadischen Wildnis muss man vor allem auf wilde Tiere (Bären, Elche, Pumas) achten und einen Sicherheitsabstand einhalten – das sind 100 Meter bei Bären und 30 Meter bei anderen Tieren. Unterschätzt außerdem nicht das schnell wechselnde Bergwetter, den fehlenden Handyempfang auf den meisten Wanderwegen und die drakonischen Strafen bei Verstößen gegen Naturschutzregeln, die von den örtlichen Rangern absolut kompromisslos verhängt werden.

Was tun, wenn man im Wald einem Bären begegnet?

Bleibt stehen und bewahrt Ruhe. Rennt nicht weg, denn der Bär ist viel schneller und die Flucht würde ihn nur zur Jagd animieren. Sprecht mit ruhiger, tiefer Stimme auf das Tier ein und weicht langsam rückwärts zurück. Falls der Bär angreift, kommt es auf die Art an: Beim Grizzly stellt euch tot und schützt euren Nacken, beim Schwarzbären kämpft aktiv und aggressiv um euer Leben. In beiden Fällen solltet ihr entsichertes Bärenspray griffbereit haben.

Welcher Bär ist am gefährlichsten?

Als gefährlichster für Menschen gilt in den touristischen Gebieten Kanadas eindeutig die Grizzlybärin mit Jungen, da sie aus Schutzinstinkt extrem aggressiv und mit enormer Kraft angreift. Hinsichtlich der generellen Raubtier-Aggression ist wohl der Eisbär am gefährlichsten, der Menschen durchaus als normale Beute betrachtet. Dem begegnet man aber in den südlichen Nationalparks und gängigen Reisezielen definitiv nicht.

Kann ich mein eigenes Bärenspray im Flugzeug mitnehmen?

Nein, das ist strikt verboten. Bärenspray fällt unter die Kategorie Druckbehälter und giftige Substanzen und darf weder im Handgepäck noch im aufgegebenen Gepäck transportiert werden. Ihr müsst das Spray einfach vor Ort in Kanada kaufen (ca. 50 EUR) oder ausleihen (ca. 3,50 EUR pro Tag) und es vor dem Rückflug wieder abgeben oder jemandem schenken.

Wie viele Menschen werden jährlich von Bären in Kanada getötet?

Angriffe werden zwar medial stark beachtet und wirken erschreckend, sind aber tatsächlich relativ selten. In den letzten 100 Jahren haben Bären in Kanada etwa 80 Menschen getötet, das ist weniger als eine Person pro Jahr. Die überwiegende Mehrheit dieser Tragödien ereignete sich zudem, weil Menschen Sicherheitsregeln ignoriert haben, allein unterwegs waren, sich zu leise bewegten oder unvorsichtig mit duftendem Essen im Zelt campten.

Was sind Wildlife Jams (Bären-Staus)?

Das sind gefährliche Verkehrsstaus, die dadurch entstehen, dass Touristen plötzlich mitten auf der Straße anhalten, um einen Bären oder Hirsch am Straßenrand zu fotografieren. In Kanada ist es streng verboten, in solchen Situationen aus dem Auto auszusteigen, und es drohen ziemlich hohe Strafen. Das richtige Vorgehen ist: kurz auf 15 km/h abbremsen, ein Foto durch das leicht geöffnete Fenster machen und zügig weiterfahren, um das Tier nicht zu stressen und den Verkehr nicht zu behindern.

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