Nach der Ankunft an dem Ort, von dem wir atemberaubende Bergfotos veröffentlichten, hatte ich einen Nervenzusammenbruch in unserem 2×2 Meter großen Zimmer mit einer geteilten Küche für 40 Leute und einer Maus.
„Ich will nach Hause. Was habe ich mir dabei gedacht!“ So schrie ich in den ersten Stunden in der Mitarbeiterunterkunft im Wald über Banff, wo wir 2,5 Monate verbringen sollten.
Das Ende der Illusionen kam schnell, genauso wie die ersten Tränen
Ich mag keine Konfliktsituationen. Ich bitte ungern um Geld. Ich sage Menschen ungern unangenehme Dinge. Und überhaupt, am liebsten würde ich allen unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen. Aber so ist das Leben nicht. Das Problem ist, dass es mir in Deutschland leicht fällt, diesen Konfliktsituationen aus dem Weg zu gehen, in meiner Blase zu leben. Meine Komfortzone-Blase platzte, als Lukáš und ich im Juni 2016 in Calgary aus dem Flugzeug stiegen – und die Realität der Arbeit in Kanada begann.
Plötzlich waren wir Einwanderer mit nicht-kanadischer Ausbildung, einem lustigen Akzent und mit einem Minimum an verwertbaren Erfahrungen. Und die Illusion der Idylle, die wir uns vorgestellt hatten, war zusammen mit der Ankunft in dem Bergstädtchen Banff verschwunden.

Auch mit gutem Englisch seid ihr nur billige Arbeitskraft
Denn als Europäer, auch mit gutem Englisch, seid ihr plötzlich nur eine Lohnarbeitskraft mit einem Arbeitsvisum für ein Jahr. Wenn ihr die Vorstellung habt, dass ihr in den Bergen einen tollen Bürojob findet, vergesst das.
Ihr habt einen Hochschulabschluss, einen gut bezahlten Job, in Deutschland klettert ihr die Karriereleiter im Konzern hoch, lasst euch in maßgeschneiderter Kleidung fotografieren, mit Starbucks in der Hand, und habt das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Hier seid ihr nichts. Und wenn ihr nicht gut Englisch sprecht, seid ihr überhaupt nichts.
Euer deutscher Hochschulabschluss interessiert hier niemanden
Umgekehrt – wenn ihr etwas Praktisches könnt, wenn ihr etwa Friseurin, Maler oder Elektriker seid, habt ihr viel bessere Chancen, eine Arbeit in Kanada zu finden (besonders wenn ihr Englisch sprecht!). Ich aber gehöre zu den Menschen mit Diplom, die zwar Englisch können, aber sonst nichts. Und als ich ankam, hatte ich zu allem Überfluss auch noch Angst zu sprechen.

Wie wir zu Putzfrauen wurden
Wir hatten den Job noch von zu Hause aus gefunden – das Einzige, was man im Voraus mit Unterkunft organisieren konnte, war Putzen in einem Hotel, auf Empfehlung einer Tschechin, die dort ein Jahr gearbeitet hatte. Angesichts der Zimmerpreise in Banff, keiner Auslandserfahrung und der Angst, wie es werden würde, halte ich es immer noch für eine gute Entscheidung. Die ersten zwei Wochen zeigten, dass die Fitness aus dem Studio uns nur teilweise vor der wahnsinnigen Erschöpfung vom Schleppen dutzender Kilo Bettwäsche die Treppen hoch und runter rettete.
Was sich auch zeigte: Manuelle Arbeit befreit den Kopf, und die meisten Mitarbeiter hatten einen Hochschulabschluss aus ihrem Heimatland. Eine japanische Biochemikerin war erst vor neun Monaten ins Land gekommen, konnte nur „yes“ und „no“ und schaffte es, in vier Monaten passabel Englisch zu lernen, um zuerst als Kellnerin zu arbeiten und dann zu uns nach Banff zu kommen.
Unsere Gehirne degenerierten in Gesprächen über grüne Bürsten
Doch ein Monat verging und unser Gehirn begann zu verkümmern, zu degenerieren. Und obwohl ich immer noch meine Online-Arbeit für deutsche Kunden erledigte, fraßen die endlosen Gespräche über Flecken auf gewaschenen Bettlaken förmlich meine Gehirnzellen auf.
„Die Rezeptionsmanagerin hat mich gebeten zu fragen, ob jemand auch an der Rezeption arbeiten möchte. Sie haben nicht genug Leute und ihr kennt das Hotel bereits,“ die kleine Vietnamesin, unsere Putz-Managerin, teilte uns diese Information bei einem der regelmäßigen absurden Treffen mit, bei denen gemeinsam Putzprobleme besprochen wurden – etwa ob man für die Toilette besser die grüne oder die weiße Bürste verwenden sollte. „Basierend auf meiner Erfahrung: Wenn die Toilette stinkt, nehmt die grüne Bürste.“ Das ist immer noch unser Lieblingssatz, der aus dem Mund der zielstrebigsten Putzfrau aller Zeiten kam – der Vietnamesin Sophie.
Und so meldete ich uns an – ohne Lukáš‘ Wissen.
Wie ich Angst vor der Rezeption hatte
Ich hasse Telefonate. Oft habe ich absichtlich nicht abgenommen. Schreibt SMS, schreibt E-Mails. Sagte ich mir im Kopf. Generell hasse ich es, vor Menschen zu sprechen. Mit Menschen. Paradoxerweise denken die Leute ständig, ich sei extrovertiert. Diese Vorstellung finde ich ziemlich komisch.
Und an der Rezeption ist das Einzige, was man tut: reden. Aber die Vorstellung des Redens war immer noch besser als Putzen. Und einen anderen Job hier in Banff zu suchen erschien uns kompliziert – nicht weil es keinen gab, aber wir wollten am selben Ort arbeiten und idealerweise mit Unterkunft. Zumindest sagten wir uns das.
Lukáš hat von uns beiden die erste Schicht an der Rezeption. Als er nach 15 Stunden von der Arbeit kommt und mich am nächsten Tag auch eine Schicht erwartet, lese ich immer wieder seine Notizen und das Handbuch, um nichts durcheinanderzubringen. Ich google sogar, wie das veraltete Programm RoomMaster 2000 aussieht, und versuche, irgendein YouTube-Video zu finden, das mir helfen könnte. Lukáš lacht mich aus.
„Das lernst du alles dort.“
„Du hast Talent für alles, du hast leicht reden.“ Ich rege mich wie verrückt auf und studiere das Handbuch bis spät in die Nacht und noch am Morgen.

„Bitte? Ich verstehe Sie nicht.“ Emily knallte den Hörer auf.
„Wenn ich sie nicht verstehe, lege ich einfach auf. Ich werde mit denen nicht meine Zeit verschwenden.“ Erklärt mir die Rezeptionsmanagerin mit einem reinen britischen Akzent und schaut hinaus in den Regen und sagt, es erinnere sie an zu Hause. Ich nehme sie nur halb wahr, starre gebannt auf das Telefon wie auf meinen größten Feind.
Und dann, als es wieder klingelt, ist niemand da, um mich zu retten.
„Ich möchte eine Double Suite für den 23.11. für vier Nächte buchen,“ sagt ein Kanadier, der mir seinen Namen genannt hat, den ich aber nicht schnell genug aufschreiben konnte.
„In Ordnung, geben Sie mir Ihre Nummer, ich überprüfe das und rufe zurück.“ Ich antworte, er diktiert mir die Nummer und ich lege triumphierend auf und freue mich, dass es gar nicht so schlimm war!
Dann stelle ich fest, dass ich die Nummer falsch aufgeschrieben habe.
Und dann begann der Terror
Wir sind mitten im Sommer. Ich weiß gar nicht, wie das möglich ist, es neigt sich schon dem Ende zu, aber wir haben nicht genug Geld für die Reise, die wir machen wollten. Obwohl wir fürs Putzen nur einen halben Dollar weniger bekamen als an der Rezeption, hatten wir beim Putzen zu wenige Stunden – wir arbeiteten nicht die versprochenen 40 Stunden pro Woche, sondern nur etwa 30. Das reichte gerade für Essen, Telefon, Versicherung und unsere Ausflüge in Banff. Erst mit der Rezeptionsarbeit bekamen wir endlich ein Gehalt, von dem wir etwas sparen konnten. Wir waren buchstäblich aufgeschmissen. Wir entschieden uns, länger zu bleiben. Bis Ende September.
Ich hatte Angst, meine deutschen Kunden zu verlieren
Ich weiß nicht, welcher Tag es ist. Ich bin 15 Stunden bei der Arbeit, und wenn ich nicht im Hotel arbeite, erledige ich vom Bett aus Arbeitsangelegenheiten für meine europäischen Kunden. Ich fürchte, dass die Hotelarbeit sich negativ auf meine Leistung auswirkt. Aber ich kann nicht viel dagegen tun. Ich widme jede freie Minute der Arbeit und versuche, nichts zu verpassen. Ich stehe um 6 Uhr morgens auf, bis neun erledige ich Dinge am PC, dann gehe ich zur Arbeit und an manchen Tagen komme ich erst um 23 Uhr zurück. Ich liege im Bett mit den Beinen hoch, weil sie so voll Blut gestaut sind, dass ich nicht schlafen kann.
Es zeigt sich, dass wir die Rezeption gut meistern. Besser als die Kanadierin, die dort in Vollzeit arbeitet. Nach vier Schichten kann Emily uns dort alleine lassen und weiß, dass nichts passiert. Die Kanadierin Cindy hat schon 20 Schichten hinter sich und schafft es immer noch nicht. Aber dass wir an der Rezeption arbeiten, gefällt dem vietnamesischen Teil der Putzkräfte nicht. Und vor allem nicht, nachdem Lukáš zum Supervisor wird.
Die Vietnamesin versuchte, uns zu zerstören
Wir bekommen keine aufeinanderfolgenden freien Tage mehr, obwohl wir darum bitten. Einen Ausflug haben wir seit zwei Wochen nicht mehr gemacht. Bei der Arbeit dürfen wir nicht zusammen arbeiten. An Tagen, an denen wir Rezeption haben, müssen wir länger bleiben als üblich. Und eines Tages arbeiten wir so mehr als eine Woche am Stück ohne frei. Wir sind müde. Wir sind erschöpft. Mir kommen mit jedem Schritt durchs Hotel die Tränen. Ich habe keine Lust zu reden. Und das ist offensichtlich ein Problem bei der Arbeit.
„Bist du in Ordnung?“
„Ja.“
„Die Mädels sagen, du redest nicht mit ihnen.“
„Ich bin müde. Ich arbeite schon den siebten Tag am Stück.“
„Haben sie dir etwas getan?“
„Ich bin müde.“
„Sie denken, du bist sauer.“
„Ich habe keine Lust zu plaudern. Ich bin müde.“ Die kleine Vietnamesin verhört mich und geht dann auch Lukáš verhören. Sie ist wie eine Gebetsmühle. Dass sie uns hier noch absichtlich drei Stunden länger hat bleiben lassen, spielt keine Rolle. Ich frage die anderen, ob sie sich über mich beschwert haben.
„Was? Nein. Du siehst nur müde aus,“ sagt mir Saori, die Japanerin mit dem Biochemie-Abschluss.

Emily ruft uns zu sich. Die kleine hinterhältige Vietnamesin Kim wartet schon auf uns.
Wir begannen zu verstehen, dass wir hier nicht bleiben können
„Als ich euch an die Rezeption geholt habe, war das unter der Bedingung, dass die Arbeit hier eure andere Arbeit nicht beeinträchtigt.“ Wir bekommen eine Standpauke, wie toll wir als Hilfe sind, aber wenn wir es nicht schaffen, müssen wir aufhören, an der Rezeption zu arbeiten. Beide erklären uns, dass ihnen etwas an uns liegt.
Dass Kim uns 7 Tage am Stück hat arbeiten lassen, ist kein Problem, aber unsere Schichten, bei denen wir nur stehen oder sitzen und reden, das ist offensichtlich eines. Es ergibt keinen Sinn. Wir schauen sie an, als wären sie Außerirdische, aber sofort sehe ich die Wahrheit. Kim will nicht, dass wir an der Rezeption sind. Dass es uns an der Rezeption gut gelingt. Wenn unsere Arbeit bis jetzt schwer war, dann begann jetzt die wahre Hölle.
Es war für mich etwas unbegreiflich, denn zwei Mitarbeiter gleichzeitig zu verlieren, konnte sie sich gerade in der Hochsaison nicht wirklich leisten. Und trotzdem tat Kim alles, damit genau das passiert. Lukáš war der Liebling, ich bekam alles ab.
„Sie versucht, uns gegeneinander aufzuhetzen,“ sagen wir unserem Freund, der hier schon im zweiten Jahr arbeitet. Sein Blick verrät uns sofort, dass es nicht das erste Mal ist.
„Ich wollte es euch nicht sagen, weil ihr es nicht geglaubt hättet.“ Eine Slowakin schließt sich an, mit der wir uns praktisch nicht unterhalten hatten, weil Kim alles tat, damit wir nur das Schlechteste von ihr dachten. Es stellte sich heraus, dass das Spalten von Paaren und Freunden eine beliebte Praktik von Kim war.
„Einen Tag seid ihr Freunde, am nächsten Tag seid ihr nichts.“ Und das galt auch für die andere Vietnamesin, die mit uns beste Freundin war, und dann, als Lukáš Supervisor wurde, aufhörte, mit uns zu sprechen. Wenn es nur das gewesen wäre – aus jedem Wort, das sie mit uns wechselte, sprühte Hass.

Wir versuchten es zuerst zu erklären
Und so gingen wir zu Emily, um ihr unsere Sicht der Dinge zu erklären.
„Ihr seid nicht die Ersten, die mir so etwas erzählen.“
„Was sollen wir tun?“
„Ich will euch nicht sagen, dass ihr gehen sollt, weil ich euch hier brauche. Aber meiner Meinung nach kann man nichts ändern. Ihr solltet gehen, aber vorher mit der Leitung sprechen und ihnen alles erzählen.“
Gehen oder nicht gehen, das war die Frage. Lukáš wollte bleiben – nicht weil er sich danach sehnte, aber er glaubte, dass wir es hier noch anderthalb Monate aushalten könnten. Mir aber ging es psychisch schon schlecht. Und mal ehrlich – ich war diejenige, auf die der ganze Hass von Kim niederging.
Mach, was du willst, ich werde Bergführerin
„Ich gehe, mach was du willst.“ Und so einigten wir uns mit Lukáš, dass wir aufhören. Was Luky nicht erwartet hatte: dass ich uns in 2 Stunden einen Job finden würde. Und dass wir in 4 Stunden bei einem Vorstellungsgespräch sitzen würden.
Míša war unsere Rettung. Míša verdanken wir die besten anderthalb Monate in Kanada.
Es war mir ziemlich egal, was wir machen würden – ich wollte vor allem weg. Ich schrieb auf alle Anzeigen, die ich fand, und dann kam mir die Idee, in die Gruppe der Tschechen und Slowaken in Banff zu schreiben. Míša aus Lake Louise antwortete mir. Ich rief sie an und sie sagte, sie hätte Arbeit für uns, ob wir kommen könnten. Aus dem Gespräch hatte ich den Eindruck, es sei etwas wie Rezeption. Wie sehr ich mich irrte.
„Du willst nicht in Lake Louise arbeiten.“
„Doch, will ich.“ Lukáš fuhr mürrisch die ganzen vierzig Minuten nach Lake Louise. Meine Impulsivität nervte ihn. Veränderungen mag er noch weniger als ich, obwohl er sich viel besser anpasst. Also sagte er nichts. Er wusste, dass es gut für uns war, auch wenn es ihm so kurzfristig nicht gefiel.
Wir verstanden uns sofort. Míša wies uns auf die Nachteile von Lake Louise hin. Der Hauptnachteil – die Abgeschiedenheit von Bars – erschien uns wie ein Paradies, denn das bedeutete, dass wir nicht jede Woche Einladungen in Kneipen ablehnen mussten. Unsere Freude über diesen tollen „Nachteil“ war für uns ein Zeichen, dass dies der richtige Schritt war. Wir klettern einfach lieber auf Berge.
Es stellte sich heraus, dass wir Bergführer machen würden. Hatte ich schon erwähnt, dass ich es hasse, vor Menschen zu sprechen?

Wir mussten rund 80 Seiten Text in wenigen Tagen lernen
Wir packten unser Auto bis zum Bersten voll und zogen am Ende der Woche nach Lake Louise um. Zwei Tage Training und am dritten Tag sollten wir unsere erste Gruppe führen. Ich schaute in die Unterlagen. Ich las sie von oben bis unten und nichts ergab einen Sinn. Wir bekamen um die achtzig Seiten und ich dachte mir, ich wäre froh, wenn ich das bis dahin überhaupt durchlesen könnte, geschweige denn mir alles merken. In den folgenden zwei Tagen sollten wir Grundkenntnisse über Bären, Hirsche, Elche, Rentiere, seltsame Vögel, für die ich keinen deutschen Namen kenne, Nagetiere mit dem gleichen Problem, Bäume, Blumen und Berge erlernen.
Panik.
Die legte sich aber, als wir zum ersten Mal hinauf zum Interpretationszentrum fuhren, wo wir anderthalb Monate verbringen sollten. Die Wolken schwebten knapp unter den Berggipfeln, prallten aufeinander und bildeten ein Federbett. So ein wunderschönes Federbett! Dieser Anblick der Sonne, die den Gletscher über dem See leckte, der nach einer britischen Prinzessin benannt ist (Luise von Sachsen-Coburg, mit vollem Namen Louise Caroline Alberta), deren Name auch die Provinz (Alberta) trägt, in der wir arbeiten.

Nach zwei Tagen Training sollten wir die erste Gruppe führen
Die zwei Trainingstage waren vorbei und Kai stand vor uns und fragte: „Also, wer von euch geht?“ In Wirklichkeit war morgens abgemacht worden, dass wir noch einen Tag warten. Das schockierte uns also – wir waren nicht vorbereitet, wir genossen die Erleichterung, dass noch niemand von uns führen musste. Besonders nachdem wir gesehen hatten, wie Kai die Gruppe führte. Es schien uns unmöglich, das jemals so hinzubekommen.
Wir standen als Schicht 3 im Schedule, beide, also hatten wir uns am Tag zuvor geeinigt, dass zur Not Lukáš geht, weil ich zu Tode erschrocken war. Aber jetzt sah es so aus, als wollte auch er nicht mehr. Ich holte tief Luft. Einmal. Zweimal. Dreimal.
„Ich gehe.“ Lukáš schaut mich an. Und in dieser Sekunde wird mir klar, dass obwohl alle denken, ich komme nach meinem Vater, meine stärksten Eigenschaften von dir kommen, Mama. Mama sagte mir einmal, sie sei eigentlich mutig, denn obwohl sie vor etwas wahnsinnige Angst hat und Albträume davon bekommt, macht sie es am Ende trotzdem. Und in diesem Moment und in vielen Momenten, die noch in Kanada kommen werden, wird mir klar, dass ich genauso bin. Und ich entdecke die erste Eigenschaft an mir, die ich mag.
„Ich gehe.“ Lukáš reagiert. Und sagt mir, ich müsse nicht. Dass er geht.
Kai entscheidet, wir sollen beide gehen.


Erster großer Erfolg in Kanada
Und es war großartig. Unsere Gruppe war klein, nur vier Leute. Lukáš und ich teilten uns die Stopps mit einem Blick auf und nahmen einander wahr, damit wir uns nicht ins Wort fielen. Ich war stolz auf uns. Wir sind ein gutes Team. Und unsere Gruppe belohnte uns mit einem hohen Trinkgeld und schrieb uns dann noch einen wundervoll positiven Kommentar auf solche Kärtchen, die wir dafür hatten. Erst später erfuhren wir, dass Melisse, eine andere Führerin, mehrere Wochen brauchte, bis sie sich an ihre erste Tour wagte.
Der beste Monat in Kanada
An diesem Tag begann das glücklichste Kapitel in Kanada. Die Mitarbeiterunterkunft vor Ort bestand aus kleinen Wohnungen, wo wir ein großes Zimmer und eine Küche hatten und zwei Badezimmer mit nur drei anderen Leuten teilten. Zum ersten Mal hatten wir Kollegen, mit denen wir auch nach der Arbeit Zeit verbringen wollten, und dass wir die ersten zwei Wochen auch mehr als zehn Stunden am Tag arbeiteten, schien eine Kleinigkeit zu sein. Plötzlich sahen wir die Rockies aus einer völlig anderen Perspektive. Das Wissen über die dortige Flora und Fauna vertiefte unsere Liebe zu Banff und Lake Louise. Wir begannen, die Berge als unser Zuhause wahrzunehmen.

Wie alles in die alten Gleise zurückkehrte
Doch die Saison endete und wir machten uns auf unseren verregneten Roadtrip durch Kanada und Amerika, den wir in New York beendeten, und flogen zurück nach Hause. Nach Europa. Obwohl ich mir geschworen hatte, diesmal viel mehr herumzureisen, Ausflüge zu machen und die Zeit sinnvoll zu verbringen, fiel plötzlich alles in die alten Gleise zurück. Die erste Woche sagte ich mir, ich könne mit dem Laptop auf dem Sofa liegen, weil ich vom Monat des Reisens wirklich müde war – doch aus einer Woche wurden zwei und aus zwei drei Monate.
Einen Ausflug machten wir zwei Mal.
Wir dachten, wir kennen Kanada. Jetzt lache ich darüber
Es war Zeit, zurückzufliegen. Schon im November hatten wir Flüge nach Calgary gekauft, wo wir bleiben wollten. Wir hatten das Gefühl, jetzt würde alles einfacher. Wir kennen Kanada ja schon. Doch wir kannten den Sommer in Kanada. Wir kannten die Berge. Wir kannten die Arbeit im Banff National Park, wo im Sommer Nachfrage nach Leuten herrscht. Wir wollten nach Calgary, wo kürzlich Zehntausende ihren Job verloren hatten, die Wolkenkratzer sich geleert hatten und aus der geschäftigen Stadt eine Geisterstadt geworden war.
Zugegeben, jetzt erholte sie sich langsam, aber es gab immer noch eine Menge Arbeitsloser. Und mal ehrlich – wen würdet ihr lieber einstellen? Eine Ukrainerin oder eine Deutsche? Und was glaubt ihr, wie sich Kanadier entscheiden? Für eine Kanadierin oder eine Europäerin? Es gibt sogar Studien dazu, dass man mit einem kanadischen Namen und denselben Qualifikationen 60 % mehr Einladungen zu Vorstellungsgesprächen bekommt. Doch wir sahen es einfach.
Ohne Arbeit und ohne Geld. Überleben wir?
Wir vereinbarten mit einer Freundin, bei ihr zu wohnen. Eine kleine Wohnung bei ihr im Haus. Wir flogen vor der Rückkehr nach Kanada für eine Woche nach England, nur um einen Tag vor dem Abflug zu erfahren, dass wir dort noch nicht einziehen konnten.
Wir waren nervös. Ohne Arbeit. Ohne Unterkunft. Mit geringen Chancen, dass das Geld auf unserem kanadischen Konto länger als zwei Wochen reichen würde. Alle bezahlbaren Unterkünfte waren zudem ausgebucht und in Calgary meldeten sie -29 Grad. Wieder rettete uns die tschechisch-slowakische Community. Nachdem wir dort geschrieben hatten, bekamen wir innerhalb weniger Stunden Antworten von mehreren Familien und Paaren, dass wir bei ihnen wohnen könnten. Einige Nummern hatten wir vor dem Boarding gespeichert und mit einem slowakischen Paar waren wir bereits verabredet, dass sie uns auch vom Flughafen abholen.
Von 600 verschickten Mails kamen nur 2 Einladungen zum Vorstellungsgespräch
Wir hatten Glück im Unglück, denn bei Martin, bei dem wir die ersten zwei Nächte waren, wurde gerade jemand in der Arbeit entlassen, und so begann Lukáš gleich ab der ersten Woche zu arbeiten. Unsere Wohnung war in zwei Tagen auch bewohnbar und es schien, als wäre alles auf gutem Weg. Doch ich konnte um nichts in der Welt eine Arbeit finden.
Von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch – ich verteilte Lebensläufe überall, schickte sie von morgens bis abends, aber von etwa 600 kamen nur zwei Einladungen zum Vorstellungsgespräch. Schließlich kam ich zu einem Fundraising-Job. Ein dreistufiges Vorstellungsverfahren, wobei ich mich für die zweite Runde eine Rede auswendig lernen musste.

Wie ich mich bei minus 20 Grad zum Clown machte
Habe ich schon erwähnt, wie ungern ich öffentlich spreche?
Wenn ich in Kanada mehrmals die Grenzen meiner Komfortzone überschreiten musste, dann brachte mir nichts mehr als meine Woche des Überzeugens von Menschen auf der Straße bei -20 °C, damit sie vor Ort ein Kind aus Afrika adoptieren. Menschen ansprechen, sich zum Clown machen, versuchen nicht zu erfrieren. Es war schon schwer genug, die Leute zum Stehenbleiben zu bewegen.
Es schien fast unglaublich, dass sie lange genug stehen blieben, damit ich ihnen meine auswendig gelernte Rede vortragen konnte, aber sie dazu zu bringen, sie dazu zu drängen, ein Kind zu adoptieren – das halte ich für eine Kunst. Eine Kunst, für die ich bei angenehmen +20 Grad kaum begabt genug wäre, aber eine Kunst, für die ich bei -20 Grad definitiv nicht gemacht war.
Nicht nur, dass ich nach acht Stunden mit Schmerzen am ganzen Körper nach Hause kam – ich war auch psychisch erschöpft. Erschöpft vom Reden. Erschöpft von jedem Moment, in dem ich Menschen zu etwas drängte, was sie nicht wollten. Und das war der Teil, der mir sagte, dass ich das nicht schaffe. Ich will Menschen nicht zu etwas drängen, was sie nicht wollen, und das obwohl ich die Menschen bewunderte, mit denen ich arbeitete. Aber für mich war es zu viel.

Die erste große Prüfung
Wenn ihr unsere Beiträge auf Facebook lest, wisst ihr, dass ich darüber geschrieben habe, wie man kündigt, wenn man gerade erst angefangen hat. Hier war meine erste Prüfung. Es ist nichts Angenehmes, aber ich musste ehrlich sein, und Ehrlichkeit ist das, was sie schätzten. Wir trennten uns im Guten und ich betrachte diese Woche immer noch als etwas, das mich mehr gestählt hat als jede andere Erfahrung.
Und dann trat ich wieder daneben
Aber ich konnte es mir nicht leisten, lange ohne Arbeit zu sein. Ich schrieb meinen Lebenslauf tausendmal um, änderte die Struktur, hob meine erbärmlich kurze Starbucks-Erfahrung hervor, lernte Latte Art von YouTube und übte die Handbewegung mit imaginärer Milch in der Luft (ihr werdet es nicht glauben, aber mein erstes Herz gelang mir tatsächlich). Nach zwei Tagen fing ich als Barista bei Olly Fresco an.

Wenn der Arbeitgeber euch über Kameras überwacht
Und so würde ich euch gerne ein Happy End liefern, aber das blieb aus. Es stellte sich heraus, dass der Manager/Besitzer von Olly Fresco seine Mitarbeiter gerne anschreit und jeden ihrer Schritte per Kamera überwacht – wenn es also nichts zu tun gibt, sucht euch wenigstens eine Pseudo-Aktivität, damit ihr so tun könnt, als würdet ihr etwas machen. Nach zwei Tagen dort war ich verzweifelt unglücklich. Nicht nur wegen des Managers, sondern auch wegen des Niveaus und der Qualität des Service. Der Besitzer wollte Geschwindigkeit statt Qualität und jeden Cent sparen. Als ich herausfand, dass er abgelaufene Milch servierte, entschied ich mich zu gehen.
Habe ich erwähnt, dass er mir beim Vorstellungsgespräch sagte, er suche jemanden für lange? Mindestens ein Jahr? Und dass er mir das jeden Tag wiederholte, dass er hofft, ich würde nicht nach einem Monat gehen? Genau das tat ich. Ich fand ein Café/eine Bäckerei in einem Hochhaus im Zentrum von Calgary, nur fünf Minuten von unserer Wohnung entfernt, während ich zu Olly Fresco eine halbe Stunde mit dem Auto oder eine Stunde mit dem Bus brauchte – also eine klare Wahl.
Ihr könnt euch wahrscheinlich vorstellen, wie ich mich fühlte, als ich wusste, dass ich es ihm sagen musste. Mir war schlecht davon, ich konnte nicht schlafen. Ich wusste nicht, ob ich es morgens oder nach der Arbeit sagen sollte. Aber ich wusste, dass ich es sagen musste.
Ich holte tief Luft.
Ein tiefer Atemzug ist mächtiger, als ihr denkt. Jetzt haben wir uns stabilisiert. Es ist sicher nicht das letzte Hindernis. Ich bin in meiner Arbeit glücklich. Nach der Arbeit habe ich viel Zeit, an meinen Projekten zu arbeiten, und am Montag starten wir eine Social-Media-Kampagne auch für unsere Bäckerei/unser Café (Denkt aber nicht, dass ich nicht manchmal um vier Uhr nachmittags vor totaler Erschöpfung einschlafe. Aber mit einem Lächeln im Gesicht.). Und was kommt als Nächstes? Das wird sich zeigen.
Als ich in meinem früheren Job Dutzende Lebensläufe auf dem Schreibtisch hatte, legte ich den einen beiseite, der Auslandserfahrung enthielt. Und letztendlich stellte sich diese Kandidatin als jemand heraus, der alle anderen weit übertraf. An Energie, psychischer Belastbarkeit und Zielstrebigkeit. Das Leben im Ausland ist kein Märchen. Es ist harte Arbeit. Wunderschöne harte Arbeit. Wahrscheinlich werdet ihr die besten und die schlimmsten Momente erleben. Aber es lohnt sich.
Tipps und Tricks für deinen Urlaub
Zahle nicht zu viel für Flugtickets
Suche Flüge auf Kayak. Es ist unsere Lieblingssuchmaschine, weil sie die Webseiten aller Fluggesellschaften durchsucht und immer die günstigste Verbindung findet.
Buche deine Unterkunft clever
Die besten Erfahrungen bei der Suche nach Unterkünften (von Alaska bis Marokko) haben wir mit Booking.com gemacht, wo Hotels, Apartments und ganze Häuser meist am günstigsten und in der größten Auswahl verfügbar sind.
Vergiss die Reiseversicherung nicht
Eine gute Reiseversicherung schützt dich vor Krankheit, Unfall, Diebstahl oder Flugstornierungen. Wir haben bereits einige Krankenhausbesuche im Ausland hinter uns, daher wissen wir, wie wichtig es ist, eine solide Versicherung abgeschlossen zu haben.
Wo wir uns versichern: SafetyWing (am besten für alle) und TrueTraveller (für extra lange Reisen).
Warum empfehlen wir keine deutsche Versicherung? Weil sie zu viele Einschränkungen haben. Sie setzen Limits für die Anzahl der Tage im Ausland, verlangen bei Kreditkarten-Reiseversicherungen oft, dass medizinische Kosten nur mit dieser Karte bezahlt werden, und begrenzen häufig die Anzahl der Rückreisen nach Deutschland.
Finde die besten Erlebnisse
Get Your Guide ist ein riesiger Online-Marktplatz, auf dem du geführte Spaziergänge, Ausflüge, Skip-the-Line-Tickets, Touren und vieles mehr buchen kannst. Dort finden wir immer etwas besonders Spaßiges!








